Höllisch heiß

10-10-2017

Erschienen im Juni 2017 in der ZEIT mit Christ&Welt

Der Teufel spricht wie Thomas Mann und sieht aus wie Al Pacino. Warum Künstler wie Normalsterbliche der Eleganz des Bösen nicht widerstehen können

Der Teufel sabotiert die göttliche Ordnung. Das hat er schon zu Anbeginn der Zeiten getan, als die Menschen noch ganz bei sich waren. Aber siehe, sie wollten gar nicht bei sich sein. Sie wollten versucht werden. Hier ist der Baum der Erkenntnis, wenn ihr von ihm esst, werdet ihr sein wie Gott, sagte der Teufel, und Eva, anstatt den Vorschlag gemäß dem göttlichen Gebot von sich zu weisen, antwortet: Okay!

Tja. So fing es an. Warum bloß reizt uns der Teufel also known as das Böse so, obwohl die schmerzhaften Konsequenzen der Attraktion reichlich bekannt sind? Die Antwort ist erschreckend simpel. Weil der Teufel der Mann ohne seinesgleichen ist. Er verspricht Höhenflüge und Genüsse, die das sogenannte Seelenheil plötzlich sehr sekundär werden lassen.

Die Paradiesszene aus dem Buch Genesis zeigt zweierlei. Zunächst: Der Teufel packt den Menschen bei seiner wichtigsten Eigenschaft, bei der Neugier, oder, wie Michel Foucault es formuliert hat, bei seinem Willen zum Wissen. Der Teufel verspricht Erkenntnis; sie ist das mächtigste Versprechen, das man geben kann. Sie ist enorm anziehend. Wer nicht neugierig ist, lebt bedeutend friedlicher. Neugier ist die Stelle, an der wir sterblich sind.

Zweitens illustriert der biblische Sündenfall die andere wichtige Eigenschaft jeder Teufelsbegegnung. Der Teufel tut nichts selbst, er versucht nur, er ist der größte In-Versuchung-Führer von allen. Machen muss man es dann alleine, das ist ganz wie mit Schokolade. Schokolade existiert in der Welt, aber davon nimmt man nicht zu. Essen muss man selbst.

Als er die Faszination von Schurken auf dem Theater erklärte, die er "Ungeheuer mit Majestät" nannte, schrieb Friedrich Schiller 1781 in seiner ersten Vorrede zu den Räubern, dass unmoralische Charaktere vonseiten des Geistes gewinnen müssen, was sie vonseiten des Herzens verlieren, damit sie überzeugen können. Das gilt natürlich für den Teufel ganz extrem. Er hat ja kein Herz. Aber er muss doch im Laufe der Jahrtausende ein unfassbares Wissen über den Menschen angesammelt haben. Man kann ihn sich nur klug vorstellen. Er ist gleichsam der Inbegriff der Sapiosexualität, und wir sind die Sapiosexuellen, die auf Wissen abfahren, auf die Aussicht, Einsicht zu erhalten. Der Teufel kennt alle geheimen Operationen der menschlichen Seele. Wer könnte ihm widerstehen?

Den düsteren Allwissenden, den Fürsten der Finsternis, den Herrn der Fliegen und so weiter, niemand hat ihn besser zu fassen bekommen als Thomas Harris in seiner Figur des Hannibal Lecter. Lecter ist Psychopath und, was wichtiger ist, Psychiater. Er kennt sie alle. Er verführt seine Patienten zu ganz abscheulichen Dingen, was ihn allein noch nicht zum Faszinosum machen würde. Leider mag er auch Dante, kocht irre gut, schätzt teure Anzüge, ist die Schlagfertigkeit selbst und steht auf Streichquartette. Malen kann er ebenfalls. Seine Widersacherin, die FBI-Agentin Clarice Starling, eine wirklich liebe Seele, wehrt sich zwei Filme lang, aber am Ende sinkt sie, in einer herrlichen Szene vor einem brummenden Kühlschrank, doch zum Kuss in seine Arme. Das ist schauerlich anzusehen, aber irgendwie doch – interessant.

Von Doktor Lecter ausgehend lässt sich eine betörende Eigenschaft des Teufels herauspräparieren. Der Teufel ist immer elegant. Eleganz ist seine zweite Natur. Eleganz ist so eine Art erlernte Anmut, aber plus Berechnung. Ihr haftet immer schon etwas Manipulatives an. Wer der große Verführer der Menschheit sein will, der kann nur gewieft und elegant sein, plump verfängt nicht.

Damit müssen wir uns Al Pacino zuwenden. Auch Al Pacino hat den Teufel bereits gespielt. In Im Auftrag des Teufels verführt er als Chef einer Anwaltskanzlei den schon von sich aus leicht versauten Anwalt Kevin Lomax zu niederträchtiger Prozessführung, was in der Folge unter anderem das Familienleben des jungen Mannes völlig zerstört. Lomax hat das kommen sehen. Er macht aber weiter, mit Vollgas ins Verhängnis. "Ich bin die Hand unter Mona Lisas Rock", sagt der Teufel einmal zu Lomax, und der Lehrling muss zugeben, dass er das schon auch gern wäre. Während er diese vulgäre Mona-Lisa-Bemerkung fallen lässt, schaut Pacino mit seinem klassisch schönen Statuengesicht so edel und gleichzeitig so verschlagen aus wie ein römischer Senator, der sich gerade entschlossen hat, an der mordlustigen Verschwörung gegen Cäsar teilzunehmen.

Der Teufel ist ein guter Schauspieler, deshalb sind Schauspieler auch so gute Teufel. Die Frage, wie dieser Teufel eigentlich in die (westliche) Welt kam, gibt seit Langem Anlass für theologische Debatten. Die jüdisch-christliche Vorstellung von der Existenz nur eines einzigen Gottes ist schuld. Wenn deus nämlich caritas est, wie kann es dann sein, dass das Böse in der Welt offensichtlich existiert? Das Böse, das dem Schöpfer schon wegen des Prinzips von Ursache und Wirkung eigen sein muss, wird im Laufe der biblischen Erzählungen abgespalten. Im Alten Testament straft Gott noch und stiftet den Menschen zu unangenehmen Taten an. Schon in den Evangelien ist es dann Satan, der dem einen liebenden Vater diese Verführungsaufgabe abnimmt. Der Monotheismus gebiert seinen Teufel also selbst.

Satan hat nach christlicher Überlieferung auch eine Biografie. Ein stolzer Engel soll er einmal gewesen sein, der schönste von allen, aber als Gott auf die Idee kam, sich den Menschen erschaffen zu wollen, hat Satan/Luzifer rebelliert. Wieso ein weiteres Geschöpf, genügen dir die Engel nicht, Vater? Die Rebellion hatte den sogenannten Höllensturz zur Folge. Den Rausschmiss aus dem himmlischen Reigen. So herrscht der Teufel nun in seinem eigenen feurig-düster-eisigen Reich und versucht eben, mittels eines Heeres von Dämonen, die Menschen von Gott wegzuzerren.

Die christlichen Autoren legen stets Wert darauf, zu betonen, dass der Teufel nicht das letzte Wort haben wird und seine Existenz sich auch nur dem göttlichen Willen verdankt. Angeblich sitzt er seit Christi Auferstehungstod angekettet in der Hölle. Diese ganze christliche biografische Psychologisierung macht den Teufel nun aber irgendwie menschlich. Auch Satan hat ein Trauma! War neidisch und wurde dafür bis in alle Ewigkeit bestraft. Er ist ein betrogener Betrüger, ein Getriebener, ein verachteter Verächter. Man kann tatsächlich so etwas wie Mitleid für die Kreatur empfinden. Muss man aber nicht.

Ob es den Teufel wirklich gibt oder nicht, ist übrigens völlig unerheblich. Das Faszinosum besteht in beiden Fällen. Wie mit anderen Phänomenen der menschlichen Psyche auch reicht die Vorstellung aus, um reale Folgen zu zeitigen. Der Teufel hat sozusagen auch dann noch Macht, wenn er gar nicht existiert. Heißt das aber wiederum nicht, dass er immerhin als Möglichkeit herumgeistert oder als seine eigene Konsequenz?

Diesem zirkelschlussartigen Gedanken ist Thomas Mann in seinem Teufels- und Künstlerroman Doktor Faustus aufs Ausgebuffteste gefolgt. Der Protagonist, der Komponist Adrian Leverkühn, steckt sich während der einzigen Affäre seines Lebens mit Syphilis an und fantasiert Jahre später in einem (vermeintlich!) bakterieninduzierten Fieberwahn, dass er eine Begegnung mit dem Teufel habe: "Er war hier bei mir im Saal, hat mich visitiert, unerwartet und doch längst erwartet", schreibt Leverkühn hinterher. Was bietet der Teufel ihm an? Ein "Stundenglas voll genialer Teufelszeit". Nie da gewesene Kompositionen also. Der Preis: Leverkühn darf niemanden lieben. Eigentlich fragt man sich: Für die paar Lieder, wer geht so einen dämlichen Deal denn ein?

Aber der Teufel begründet, und er begründet mit der ganzen allmächtigen Sprachgewalt Thomas Manns. "Aufschwünge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Macht und Triumphgefühl … Schauer der Selbstverehrung, ja des köstlichen Grauens vor sich selbst". Dagegen nur mal kurz Jesus: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt! Niemand kommt zum Vater außer durch mich!" Fällt die Wahl da schwer? Man kann nur hoffen, nicht vom Teufel visitiert zu werden. Er wird sprechen wie Thomas Mann und aussehen wie Al Pacino.

Sie glauben aber gar nicht an den Teufel? Der Teufel glaubt an Sie, das reicht und darin ist er Gott nicht unähnlich. Wahrscheinlich gibt es sieben Milliarden Teufel, jedes Individuum wird schon selbst wissen, wem oder welcher Vorstellung es nicht widerstehen könnte.

Während des Teufelsgesprächs bezweifelt nämlich auch Adrian Leverkühn, dass es überhaupt stattfindet, irgendwann bezweifelt der Teufel das ebenfalls, und der Erzähler der ganzen Vorkommnisse bezweifelte es schon vorher. Das ist eine sehr kluge Spiegelfechterei von Thomas Mann. Mise en abyme, "in den Abgrund setzen", heißt das erzählerische Verfahren, bei dem sich die Geschichte durch ihre Erzähltechnik selbst widerlegt. Sie löscht sich eigenhändig aus, sägt ihre Existenzbedingungen ab und hallt damit in einer Art Endlosschleife durch das Hirn. Wie der Teufel, von dem sie spricht, ja auch.

Wenn der Teufel ein Faszinosum darstellt, so ist die Hölle – sollte sie existieren, was nicht sicher ist, aber wahrscheinlich ist das, siehe oben, auch nicht ausschlaggebend – doch ganz bestimmt keines. Wir stellen sie uns kleingeistig vor als einen unwirtlichen Ort ohne Schlaftabletten und WLAN. Auch da war Thomas Mann schon weiter. Die Hölle töne wider von "Gilfen und Girren, Heulen, Stöhnen, Brüllen, Gurgeln, Kreischen, Zetern, Grießgramen, Betteln und Folterjubel", schreibt er im Faustus: "Es wird getan, es geschieht, und zwar ohne vom Worte zur Rechenschaft gezogen zu werden, im schalldichten Keller, tief unter Gottes Gehör, und zwar in Ewigkeit."

Amen. Man sollte sich vielleicht mit diesen Mächten doch nicht anlegen und neutral bleiben, wenn es irgend geht. Oder man hofft darauf, dass der Teufel, wie Goethes Mephisto, stets das Böse will und stets das Gute schafft, weil der Mensch sich eben im Angesicht der Gefahr, oder wenigstens nach der Katastrophe, zu Reue und Buße aufrafft.

Die finale Hoffnung jedoch muss man, wie Doktor Faustus, in die Unendlichkeit der Erlösergüte setzen. Der mäßige Sünder dürfte für die Gnade nur mäßig interessant sein. Beweisen kann sie sich doch erst an den tief gefallenen Engeln. Da will sie zu ganz großer Form auflaufen. Hoffentlich.