Direkter Draht nach oben

10-10-2017

Erschienen im Juni 2017 in der ZEIT mit Christ&Welt

Begeistert, gläubig und gar nicht klerikal: Im Augsburger Gebetshaus gibt sich Kirche ganz anders als im Sonntagsgottesdienst. Ist das noch katholisch?

Es ist ein Gebet wie ein Fieberkrampf. Er dauert schon 40 Minuten, schwillt an und ab, hypnotisch begleitet von einem klagenden E-Gitarren-Solo, das den Raum langsam, aber sicher in eine Trance versetzt. "Vater, schein dein Licht heute Abend!" Die Vorbeterin auf der Bühne des Augsburger Gebetshauses wischt sich die langen Haare aus der Stirn. "Ich möcht beten für Frauen, die heut Abend echt mit einem Trauma kämpfen und für alle Opfer von Prostitution." Zustimmendes Nicken und Murmeln im Publikum. "Vater, wir bringen rumänische Frauen vor dein Angesicht." Die E-Gitarre wird lauter.

Die meisten Mitbeter haben die Augen geschlossen und die Hände himmelwärts ausgestreckt. Einige knien. Manche halten sich an einer Bibel fest. Viele gestikulieren. Andere laufen stakkatoartig durch den Raum, hin und her, her und hin, und wiederholen dabei jedes Wort der Vorbeterin noch einmal. Wer die Augen nicht geschlossen hat, dessen Blick geht ins Leere oder Ferne. Er ist fixiert auf ein Gegenüber, das man nicht sieht, dessen Existenz und Präsenz aber jeder hier vorauszusetzen scheint.

So eine Gebetssession ist harte Arbeit. "Für den Herrn nur das Beste", sagen sie in Augsburg. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr wird hier gebetet. Mal mit Musik, mal still, mal lauthals. Das Augsburger Gebetshaus ist in Europa das größte seiner Art. Und auch das hipste. Es boomt, während alles andere Katholische in Deutschland nicht so boomt. Sollte man Augsburg besuchen, stolpert man nicht über das Gebäude, denn es liegt versteckt in einem Industriegebiet, knapp hinter dem Messegelände, dort, wo die Laternen schon spärlicher werden. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich nur noch ein Toyota-Händler, dessen Logo aus der Ferne dem brennenden Herzen auf den Gebetshausflaggen überraschend ähnlich sieht.

"Früher haben wir in einer alten Elektrohandlung gebetet, wo im Winter das Eis innen an den Scheiben stand", sagt Johannes Hartl, Linguist, Theologe, Autor, Prediger, Katholik und Bayer, Erfinder einer Gebetskonferenz, Gründer des Gebetshauses und vor allem: dessen Spiritus Rector. Er ist 37 Jahre alt und eine elegante Erscheinung. Seine fuchsiafarbenen Socken sind auf seinen fuchsiafarbenen Pullover abgestimmt, die Stimme ist sanft, man hört ihm gern zu.

Hartl ist Chef von 34 Vollzeitmitarbeitern, die den spendenfinanzierten Laden im Industriegebiet am Laufen und das heißt am Beten halten. Jeder Vorbeter, hier Missionar genannt, muss 25 Stunden in der Woche im Gebetsraum präsent sein. Den Rest ihrer Zeit beschäftigen sich die Missionare mit Aufgaben, die im Start-up-Gebetshaus so anfallen. Gebäudemanagement, Überwachung der Bautätigkeiten für das neue Gästehaus, Planung der "Mehr"-Konferenz, die immer im Januar stattfindet und mittlerweile über 10.000 Teilnehmer hat.

Christ & Welt 26/2017 Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26/2017. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Kein Pfennig Kirchensteuer fließt in das Gebetshaus, seit es 2007 gegründet wurde. Das Haus zählt zur charismatischen Erneuerung, der in Deutschland nach eigenen Angaben rund 12.000 Menschen in 500 Vereinigungen angehören. Seit den Sechzigerjahren ist die Bewegung weltweit auf dem Siegeszug. Johannes Paul II. hat sie gefördert, Papst Franziskus. Den Gruppen geht es um freies Beten, Lobpreis, um ein Ausbrechen aus festgefahrenen Strukturen oder Gottesdienstformen. Einigen internationalen Zusammenschlüssen werden sektenartige Züge nachgesagt. Dagegen verwahren sich die Augsburger strikt. Erst kürzlich hat das zuständige Bistum sein Plazet erteilt. Das Haus sei ein Experiment der Ökumene, es versehe Gebetsdienst für die Kirche und stehe nicht in Konkurrenz zu ihr. Letzteres ist wichtig. Wenn sich eine gemischtkonfessionelle Menge hinter einer Führungspersönlichkeit versammelt, wird die katholische Hierarchie nervös. Deshalb darf es im Gebetshaus keine Kommunion geben. Das bleibt Priestersache, dazu muss man eben in eine Kirche gehen.

Im Gebetshaus wird nichts gelehrt, was der katholischen Lehre widerspricht. So steht es im Bistumsbericht. Aber es ist doch das meiste anders. Zum Beispiel sieht man niemanden mit grauen Haaren. Über den Tag verteilt kommen und gehen junge Menschen. Sie betreten das Gebäude durch die Lounge im Erdgeschoss, holen bunte Wasserflaschen aus den Rucksäcken, laufen weiter zur Kaffeebar, wo aus Edelstahlmaschinen Espresso fließt, und steigen, derart gestärkt, in den ersten Stock auf, wo der Gebetsraum wartet. Es ist ein holzverkleideter, freundlicher Raum mit Stuhlreihen und einem schlichten goldenen Kreuz an der Stirnwand.

Die Mitarbeiter machen hier alles. Sie spielen Schlagzeug, beten, putzen Klos. Wer Vollzeit arbeitet, muss sich einen eigenen Spenderkreis suchen, der das Gehalt finanziert. Wie macht man Gebete zu Geld, Herr Hartl? "Gar nicht", sagt er, "die Wertschätzung unserer Arbeit drückt sich hin und wieder in Geld aus. Jede NGO arbeitet so!" Dass das Management in den Amtskirchen so schlecht sei, habe ihn immer gestört, sagt Hartl. Er will es besser machen. "Wir haben zu wenige, die brennen, wir haben Strukturen, die das Feuer auslöschen." Deshalb bildet das Gebetshaus seinen Nachwuchs selber aus. Jedes Jahr können bis zu 50 Interessierte die Gebetsschule besuchen. Dort vermitteln Dozenten theologisches Wissen, dort wird musiziert und die Gebetsleitung gelernt.

"Herr, schick jetzt Polizisten!"

Christopher Appelt ist Gebetshausmissionar. Eigentlich hat er Speditionskaufmann gelernt, ein Beruf, der ihm im Start-up zupasskommt. Appelts Spezialität sind Fürbitten. Wenn es um ein politisches Thema geht, beispielsweise um verfolgte Christen, dann liest Appelt sich stundenlang ein, bereitet Bibelstellen vor und improvisiert auf der Bühne ein Gebet. Außerdem ist er im Team rund um die neuen Bauprojekte engagiert. Nicht einen Euro musste man für den Bau des neuen Gästehauses und eines zweiten Gebetsraums leihen. "Wir geben nur Geld aus, das wir eingenommen haben, alles andere finde ich unredlich", sagt Hartl.

Ohne ihn würde nichts gehen. Gebetsprojekte im Rahmen der charismatischen Erneuerung gibt es seit Jahren; wenige schaffen es in den Mainstream, keines in Deutschland ist so prominent wie das Gebetshaus. Hartl ist tatsächlich charismatisch. Am Morgen hat er eine Session "für Männer, die in Pornografie stecken", geleitet, nun sitzt er in einem Besprechungsraum des Hauses auf einem bequemen Sessel. Die Wände sind pink gestrichen. Irritierend wirkt das gepanzerte Modellkriegsschiff, das grimmig hinter Hartls Schulter auf einem Heizkörper thront. "Wir befinden uns doch auch im Krieg", sagt er.

Die Härte seiner Gedanken dringt zunächst gar nicht durch, weil sein ruhiger und scheinbar sanftmütiger Tonfall ihnen die Spitzen nimmt. Sie sind aber da. "Ich wollte nie Theologie studieren, mir war das wissenschaftliche Niveau zu niedrig", ist so eine Aussage; "Wenn die deutschen Bischöfe mal 90 Prozent ihrer Zeit beten würden und sich nur 10 Prozent lang mit Politik beschäftigen würden, wäre vieles besser", eine weitere. Das Einmischen der Kirchen in die Politik sieht Hartl kritisch. Er ist auf einem Weg der Verinnerlichung unterwegs, die das Weltliche zwar nicht ablehnt – aber ohne Beten ist alles nichts. Was die Flüchtlingspolitik betrifft, sei es nicht die Aufgabe der Kirchen, zum Pressesprecher der Großen Koalition zu werden, meint Hartl.

In der Pubertät hatte Johannes Hartl ein Berufungserlebnis, bei einem Gebetswochenende. Worin genau es bestand? "Ich habe zum ersten Mal die Gegenwart Jesu gespürt." Danach verließ er seine Freundin, wollte Mönch werden und ging in die USA, um sich im International House of Prayer in Kansas mit kreativen Gebetsformen zu beschäftigen. Im Jahr 2007 gründete er schließlich das Augsburger Gebetshaus.

"Der Stil des Gründers ist nicht meiner, aber er erreicht mehr Menschen damit als ich, was eher mich stutzig machen sollte", schreibt Thomas Frings, Priester und Autor eines rebellischen Buches, das Anfang 2017 erschien. Darin beklagt er die starren katholischen Strukturen. Findet Frings Fortschritt in Augsburg? "Es gab dort vor einigen Monaten einen Kongress. Dafür mussten die Besucher sogar viel Geld bezahlen. Das sollte den Akteuren von anderen Großveranstaltungen, die eine ganze Mannschaft beschäftigen, doch sehr zu denken geben", meint Frings, der noch nie im Gebetshaus war, sich aber von der Erfolgsgeschichte in Augsburg nicht erschrecken lassen will. Bloß weil man im deutschen Katholizismus keinen Erfolg mehr gewöhnt sei, sollte man nicht jeden verdächtigen, der ihn hat, sagt Frings.

Wenn man mit dem traditionellen Katholizismus gut klarkommt, kann man in Augsburg in Schwierigkeiten geraten. Das liegt an den sehr konkreten Gebeten: "Wir beten für Frauen, die vergewaltigt wurden, so oft, bis sie gebrochen waren."

"Wir beten, wo kein Therapeut und kein Mensch mehr hinkommt."

"Vater, ich bete, dass du jetzt Polizisten schickst."

So klingt es in der Fürbittensession für Opfer von Prostitution und Menschenhandel. Die Vorbeterin redet hart auf Gott ein, wie bei einem Beziehungsgespräch, in dem man die wichtigsten Punkte wiederholt, damit der andere sie endlich versteht. Währenddessen steigert sich die Band langsam in ein blubberndes Ewigkeitscrescendo hinein – bis nach einer Stunde mit dem ekstatischen Satz "Wir sind geworfen in dein Licht!" alles zu Ende ist, eine Akustikgitarre allein aus dem Instrumentengedröhne auftaucht und eine warme Melodie spielt. Alles schwer Atmende beruhigt sich und löst sich schließlich in Wohlgefallen auf. Dann öffnet jemand ein Fenster, und es ist vorbei. Zwei Mädchen weinen. Ob aus Rührung, Schmerz, Freude oder einem anderen Grund, ist nicht klar.

Nein, gegen solche Gebete kann die katholische Kirche nichts haben. Mit der Form hadert man als Neuling. Beten für Weltfrieden, das geht einem leichter über die Lippen als ein "Herr, schick jetzt Polizisten!". Irgendwie ist das ein Offenbarungseid. Denn Beten ist Souveränitätsverzicht. Man legt ein Anliegen in Gottes Hände und vertraut darauf, dass er es richten wird, nicht man selber, die Gesellschaft oder eine andere Institution. Diese Haltung widerspreche unserem Machbarkeitswahn, meint Hartl. Deshalb sei das Gebet in einer Krise.

Auch wenn Beten in der Theorie ein Verzicht ist, in der Praxis machen die jungen Leute in Augsburg nicht den Eindruck, als vermissten sie etwas. Im Gegenteil: Sie wirken bereichert. Beten, sagen sie, ist wie Sport machen. Man kann das üben. Je fitter man wird, desto leichter fällt es einem. Man muss halt dranbleiben.