Demütig ungehorsam

10-10-2017

Erschienen im Juni 2017 in der ZEIT mit Christ&Welt

Wie vier konservative Kardinäle den Papst herausfordern

Es war eine hübsche Briefintrige. Gegen Ende des letzten Jahres schrieben vier konservative Kardinäle, unter ihnen die Deutschen Joachim Meisner und Walter Brandmüller, dem Papst einen Brief. Darin forderten sie die theologische Klärung einiger Stellen im Ehe-Schreiben Amoris laetitia. Franziskus habe die Tradition Richtung unkatholische Liberalität verlassen, lautete paraphrasiert der Vorwurf, er ermögliche wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion. Der Papst wurde darob nicht böse, er reagierte einfach gar nicht. Jetzt haben die Schreiber wieder in die Tasten gehauen. Sie bitten um eine Audienz, um ihr Anliegen vorzubringen. Und weil Franziskus seit April auf ihre Bitte nicht geantwortet hat, haben die Missvergnügten diesen zweiten Brief nun veröffentlicht:

"Und so geschieht es – und wie schmerzlich ist es, das zu sehen –, dass etwas, was in Polen eine Sünde ist, in Deutschland gut ist und das, was in der Erzdiözese Philadelphia verboten ist, ist auf Malta erlaubt. Und so weiter", klagen die Kardinäle. In Sache Ehemoral herrsche eine gewisse Verwirrung, mittlerweile billigten manche Bischofskonferenzen, "was das Lehramt der Kirche niemals gebilligt hat". Der ganze Brief ist von schlimmer Zerknirschung, historischem Unglück und großer Demut dem Papstamt gegenüber getragen. Leider treibt die Kardinäle ihr individuelles Gewissen in den Widerstand, wie sie schreiben, also genau die Instanz, die sie den Gläubigen bei ihrer Beziehungsgestaltung absprechen. Man darf die Ergebenheit der Herren, mit der das Schreiben durchtränkt ist, genau diesem Papst gegenüber doch vielleicht als Topos werten, als rhetorisches Mittel der Form halber, dessen Aufrichtigkeit Gott der Herr allein kennt.

Da allerdings die vier einen Gutteil der konservativen Katholiken aus aller Welt mit ihrem Anliegen vertreten dürften, ist der Papst wohl mit seinem erneuten Schweigen nicht richtig gut beraten. Leute, die sich auf eine 2.000-jährige Tradition berufen, aussitzen zu wollen könnte anstrengend werden. Stattdessen muss man sich doch fragen, wo eigentlich Franziskus’ berühmte Barmherzigkeit angesichts seiner ärgsten Feinde geblieben ist. Auf den ersten Brief reagierte er gelassen, indem er den Widerspenstigen nicht zürnte, aber den zweiten wie Luft zu behandeln ist nun übertrieben souverän. Und sollte nicht gerade eine Kirche der Ränder sich auch ihrer konservativen Minderheiten annehmen? Klassische Intriganten verstellen sich gezielt, um einem anderen Schaden zuzufügen. Franziskus könnte ihren Plan entkräften, indem er den gespielten Demutsgestus der Kardinäle ernst nimmt – und sie in einer Audienz einfach väterlich anhört.