Kohls Pressesprecher

10-10-2017

Erschienen im Juni 2016 in Christ&Welt in der ZEIT

Dass man mit adoptierten Söhnen mitunter besser zurande kommt als mit den eigenen, wussten schon die römischen Kaiser. Die Loyalität der Erwählten ist größer als die Loyalität der Gezeugten, die sich sogar – manchmal bis aufs gemeinsame Blut – untereinander bekriegen.

Kai Diekmann, der an Sohnes statt am Totenbett Helmut Kohls saß, war dem Altkanzler allzeit treu ergeben. Als er ihn porträtierte, ihn interviewte, ihm als Co-Autor seine Stimme lieh. Loyalität hat aber ihren Preis, beziehungsweise ist es immer schwer, zwei Herren zu dienen. Konkret: Kann der Berichtende noch eine kritische journalistische Distanz zu seinem Berichtsgegenstand wahren, wenn er dessen Trauzeuge ist? Ist nicht Kai Diekmann über die Jahre vielmehr von einem Pressevertreter zu einem Pressesprecher Helmut Kohls geworden, was kein gradueller, sondern ein kategorischer Unterschied ist? Neuigkeiten aus dem Hause Kohl verkündete stets die Bild-Zeitung, wie sie in Nibelungentreue auch nun die jüngsten und letzten Vorkommnisse vom Rhein hat verlautbaren lassen. Diese Art langjähriger Diekmannscher Hofberichterstattung war keine Lappalie und kein Freundschaftsdienst. Sie hob gewissermaßen im Kleinen auf, was im Großen sakrosankt ist: die Gewaltenteilung. Die Presse bewacht etwas, sie wacht nicht an jemandes Bett, sie hält auch keine Hände, vor allem nicht die der Exekutive. Niemand verbietet Freundschaften zwischen Journalisten und Personen der Zeitgeschichte. Wo aber die menschliche Zuneigung siegt, sollte der Füller fallen.