Erlös uns, Richard

10-10-2017

Erschienen in Christ&Welt in der ZEIT im September 2017

Richard Wagner wollte eine Religion aus Musik gründen. Hat das geklappt? Eine Wallfahrt zum Grünen Hügel von Bayreuth

Am Ende des zweiten Aktes bin ich so erschöpft, dass ich den Wagnerianern das Wasser klaue, und zwar vom Tisch. Sie gucken verzückt nach oben zum Balkon, wo die Pausenfanfaren jetzt entrückt zum nächsten Aufzug blasen, als wäre es ein Opfergang. Sie brauchen kein Wasser mehr, sie leben von Tönen allein, aber mir ist heiß, ich bin dehydriert, mein Gehirn fiept, ich wünsche mir einen großen Bottich kalten Gletscherwassers herbei, in den ich laut schreiend kurz abtauchen kann. In der ersten Pause dieser vielstündigen Oper habe ich es noch erfolgreich mit zwei Kugeln Mangosorbet zur Erfrischung versucht, aber da regnete es auch friedlich. Da war es kühl, jetzt ist es schwül, und auf der Bühne ging just das Zauberreich, die chromatische Halbwelt des von eigener Hand entmannten Zauberers Klingsor, unter, während er sich vor seiner Kruzifixsammlung lustvoll selbst geißelte. Dazu das hypnotische Orchestergestöhne.

Wenn Wagner kein Mensch ist, sondern eine Krankheit, wie sein größter Fan und schlimmster Kritiker Friedrich Nietzsche schreibt, dann hat er vielleicht am ehesten die Wirkung eines Klimakteriums: Erst wird einem heiß, und dann geht gar nichts mehr. Das geklaute Selters schmeckt hervorragend, die Wagnerianer haben seinen Schwund gar nicht bemerkt. Sie gehen wieder hinein in ihr überhitztes Festspielhaus, diesen zwielichtig-schummrigen Ort an der offenen Grenze zwischen Kirche und Klapse, um sich noch mal dem Parsifal, dieser "Geschlechtsoper von höchster Gewagtheit", hinzugeben, wie der zweitgrößte Wagnerfan, wie Thomas Mann schreibt. Mir ist nach dem Selters immer noch schwindelig. Es ist meine erste Wagneroper, und ich frage mich: Ist das dieser Rausch, von dem alle reden? Der gefährliche, sinnenvernebelnde, atemberaubende Rausch?

An Richard Wagner kleben viele Verbotsschilder – als wäre er eine Zigarettenpackung. Sie machen ihn abstoßend und attraktiv zugleich. Er ist der große Verführer, der große Antisemit, der Nationalheilige, der Vollender der Oper, der Germanenfan, der Verfallskünstler und, ja, der Religionsstifter. Menschen haben ihre Kinder nach den überspannten Halbgöttern aus Wagneropern benannt. Oder nach seinen abgelegten Frauen. Eine Kunstreligion wollte Wagner schaffen, in der ein Klang Erlösung verheißt vom Leiden an der gefallenen Welt. Seinen Vatikan hat er sich mit dem Bayreuther Festspielhaus selbst geschaffen. Hierher wird gewallfahrtet seit 1876. Für viel Geld. Welches Wunder vollzieht sich noch auf dem Grünen Hügel im Jahre 2017? Ist Bayreuth nur eine parfümierte Feuilletonleiche, eine Sommerfrische für Sparkassendirektoren, oder ist es ein Tempel, eine Heilsanstalt für Sinnsucher?

"Ich würde gern meine Pressekarte für den Parsifal abholen", sage ich zum Festspielhausmitarbeiter am frühen Nachmittag. "Moment, die liegt im Tresor", sagt er und verschwindet in einen benachbarten Raum. Ist das eine Metapher, oder meint er das ernst? Eben schon war mir am Haupteingang das Vorhandensein eines Geldautomaten mit Wagners ernst dreinblickendem Konterfei aufgefallen. Hier hat alles offenbar großen Wert. Bevor ich fragen kann, tritt eine Gruppe englischsprachiger Kritiker ins Zimmer, sie diskutieren eine Hiobsbotschaft: Der Dirigent ist krank! Was hat er? Gibt es einen Skandal, wenigstens einen kleinen? Wer ist schuld? Und: Wer dirigiert heute stattdessen? "Mister Janowski", sagt der Festspielhausbedienstete. "Ah, thank God", sagen die Kritiker. Mister Janowski schafft den Parsifal in unter vier Stunden, erklären sie. So lange dauert eine Zugfahrt von Hamburg nach Köln, denke ich, und empfange meine Karte.

Der Verfall des Menschengeschlechtes, der Verlust des Paradieses ist laut Richard Wagner darauf zurückzuführen, dass der Mensch irgendwann aufhörte, Pflanzen zu essen. Stattdessen verzehre die moderne Gesellschaft "bis zur Unkenntlichkeit hergerichtete Leichenteile zum Mittagessen", was ihr das Mitleiden mit anderen Geschöpfen ausgetrieben habe. Dieses Mitleid müsse man wiederherstellen, schreibt Wagner. Darum geht es auch in seiner Oper "Parsifal", die er ein "Bühnenweihfestspiel" nannte, um Erlösung durch Mitleid, irgendwo zwischen Lessing und Schopenhauer. Im Restaurant neben dem Festspielhaus, wo sich die Wagnerianer vor Vorstellungsbeginn stärken, ist man vom Erzvegetarismus des Meisters unbeeindruckt. "Heimischer Zuchtstör gebeizt", "Dreierlei vom Ochsenschwanz", "Bio-Kalbsfilet". Auch nicht die reine Lehre hier. Ich stelle fest: Bayreuth ist immer auch sein Gegenteil.

Als die Schatten sich senken im Festspielhaus, das Licht wegdimmert und alles Husten verstummt, reißen sich die Wagnerianer die Jacketts vom Leib. Warm ist es noch nicht, aber eine Thai-Masseurin wünscht man sich herbei. Die Bänke wurden sicher seit 1876 nicht mehr renoviert. Dann ertönt das Vorspiel bei geschlossenem Vorhang. Es ist eine sich in ätherische Höhen aufschwingende, durchsichtige Melodie, ungleich allem, was man jemals zuvor gehört hat. Mich persönlich müsste man jetzt nicht mit einer Oper belästigen, lasst den Vorhang zu und weht einfach nur diesen Klang ins Publikum wie einen heißen Sauna-Aufguss.

Doch es folgt die Leidensgeschichte des Amfortas, der sein Keuschheitsgelübde verhängnisvollerweise brach und seither an einer nicht heilen wollenden Wunde laboriert. Amfortas ist Gralskönig und sicher das erste Burnout-Opfer der Operngeschichte. Immerzu muss er den Gral, mit dem das Blut Christi aufgefangen wurde, enthüllen, denn das stärkt seine Ritter. Leider bricht dabei seine Wunde stets auf, deshalb möchte Amfortas sterben. Er hat eine klassische Gratifikationskrise. Die Verhaltenstherapie würde ihm raten, mehr auf sich zu achten und nicht zu tun, was die anderen verlangen. Während Amfortas seine existenziellen Schmerzen in einer Badewanne kontempliert, essen die Ritter Fladenbrot. Vielleicht wäre es für Bayreuther Inszenierungen gut, würde nicht die Regie versuchen, die Handlung der Oper zu konterkarieren? "Oh, Strafe, Strafe ohnegleichen" – und Fladenbrot? Wannen?

Dann geht es ab. Der Gral wird tatsächlich enthüllt. Der japanische Wagnerianer links neben mir fängt an zu weinen. Amfortas steht mit Dornenkrone auf der Wanne, trägt jetzt Stigmata und Lendenschurz, schreit ein herzzerreißendes "Erbarmen" ins Publikum, woraufhin sich die schlimme Wunde an seiner Seite öffnet, die Ritter das Blut im Gral auffangen und sich, ja, daran laben. Die Musik ist nun froh in höchsten Höhen, auf der Bühne ein Blutrausch, der Chor jubelt "Nehmet hin meinen Leib", Amfortas ist halb tot, Glocken läuten, Ende Akt eins. Aus Andachtsgründen klatscht niemand.

Was war das denn? Die Parallelen zum christlichen Abendmahl sind verdreht. Wenn man Wagners Theorie folgt, dann soll das Publikum aus Amfortas’ Leiden eine geradezu katholische Wendung lernen: Keuschheit ist besser als Verlangen, denn das stürzt einen nur in arge Schmerzen. Doch: Es ist genau das lustvolle Sehnen nach Erlösung, es ist die Passion des Amfortas, welche die Musik in den ersten Rausch treibt. Ohne die Sünde keine Klangorgie. Wer den Zölibat will, muss Gregorianik hören, nicht Wagner. Bayreuth ist nicht der Vatikan der Musik, Bayreuth ist ihr Fegefeuer. Hier gilt’s der Sünde.

Nietzsche sagt, Wagners Musik haut die Stärksten noch wie Stiere um. Zur Erholung hat man in Bayreuth deshalb die einstündigen Pausen zwischen den Akten geschaffen. Beim Lustwandeln in den Gartenanlagen des Festspielhauses begegnet man vor allem den Hinweistafeln zum Umgang Bayreuths mit seiner braunen Vergangenheit. "Hitler ist der lang ersehnte Parsifal", sagte Winifred Wagner. Auch das ist offenbar Bayreuth: sein eigener Exorzismus. Mit dem Mangosorbet gehe ich vor einem großen bronzenen Kopf im Rasen nieder, es ist Cosimas Kopf. In der Wagner-Rezeption werden die Männer immer mit Vor- und Zunamen genannt, die Frauen nicht, da muss der Vorname reichen, so bei Cosima, Wagners zweiter Gattin. Überhaupt scheint Richards Frauenbild etwas traurig gewesen zu sein. Im "Parsifal" taucht genau eine Frau auf, Kundry, die sexbesessene Verführerin des Amfortas, deren berühmteste Kabinettstückchen darin bestehen, spitz zu schreien, irre zu lachen, spontan einzuschlafen und den naiven Titelhelden des Stücks sieben Takte lang wild zu küssen. Dabei denkt Parsifal erst an seine Mutter – und dann an Amfortas, was ihn vorm Äußersten zurückhält.

Während die meisten Gäste in Roben auf Wagners Rasen herumstehen, latscht eine Gruppe Scherzender in Flipflops herum. Das ist das Orchester. "Wir im Graben büßen während einer ›Götterdämmerung‹ bei gefühlten 48 Grad alle unsere Sünden ab", schreibt der musikalische Direktor der Wagner-Spielstätte, der Dirigent Christian Thielemann, über das Musizieren im Bayreuther Graben, den man hier gern den "mystischen Abgrund" nennt. Ob es dort zu Gottesbegegnungen kommt, wie das Wort "mystisch" vermuten lässt? Die Berliner Violinistin Claudia Schönemann sieht das nicht so. Flipflops im Graben findet sie gut: "Ich gebe meinen Sommerurlaub für Wagner her, warum sollte ich mich dann nicht so kleiden, als wäre ich am Strand?"

Empfindet sie den "Parsifal" als religiöses Stück? "Wenn wir als Orchester in einen religiösen Rausch gerieten, wäre das nicht gut", sagt sie. "Ein Chirurg darf auch nicht leiden, wenn er schneidet." Wer zu viel von sich gebe, der empfinde bei Wagner irgendwann gar nichts mehr, sagt Schönemann. Damit das Publikum abgehen kann, muss das Orchester maßhalten unter seinem klangfördernden Deckel, den Wagner ihm auf den Kopf geschraubt hat.

"Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten", schreibt Wagner 1880, während er den "Parsifal" komponiert. Doch wie sieht seine Rettung aus? Wenn Wagner ein Messias ist, müsste er doch ein Himmelreich anbieten, eine Vision für die erlösungsbedürftige Welt. Er macht das sehr sittlich, indem er seinen Helden Parsifal einen heiligen Speer erringen lässt, ein keusches Phallussymbol, mit dem er die Wunde des Amfortas verschließt und damit der ganzen elenden Gralsenthüllung ein Ende setzt. Es entsteht eine Welt ohne quälendes Wollen, ein zölibatär-zahmes Imperium.

Bevor es dazu kommt, verzückt noch etwas anderes das Festspielhaus: Es ist der sogenannte Karfreitagszauber im letzten Akt, in dem Parsifal seine Position als neuer Gralskönig einnimmt. "Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!", sagt er, und schon erblüht magisch die Natur, treten verzückte Pflanzen und abwesend lächelnde Mädchen auf, die mit ihrem reinen Helden eine Art utopische Hochzeit zwischen Mensch und Natur feiern. Da kommt der Vegetarier wieder.

So ein helles Blütenfest inmitten einer Leidensoper verstört Erstbesucher total, aber die Wagnerianer im Saal schauen verzückt hinein in diese Bühnenmagie, und auf einmal erschließt sich dann auch Wagners Kunstreligion: Bayreuth selbst ist das Ritual, jede Oper hier ist ein Gottesdienst, und enthüllt wird eigentlich gar nicht der Gral, Isolde, Siegfried oder sonstwer, enthüllt wird immer nur der heilige Richard. Mit Christentum hat das gar nichts zu tun. Sein Geist schwebt über den Wassern, an seinem kompositorischen Leiden labt man sich, er bringt die stärksten Gefühle zur Anschauung – der Nachwelt zum mahnenden Angedenken. Die letzten Worte im Parsifal lauten: "Erlösung dem Erlöser." Und dann, nach der Vollendung, stirbt Wagner, der Erlöser, tatsächlich in Venedig. Was für ein Effekt! Als wäre das Theater in seinem realen Leben weitergegangen.

Zehn Minuten dauert der Schlussapplaus. Ich habe Rückenschmerzen. Die Wagnerianer werden sich jetzt, so will es die Tradition, aufmachen und das Grab des Meisters besuchen. Mir ist das zu jenseitig. Eine irre Regie, eine wundertolle Musik, ein sechsstündiger Marathon, der aber durchgesprintet wurde, dazu dauernd diese schwierigen verdrehten Genitive Wagners ("Höchsten Heiles Wunder!" Aha), die vielen Fäden und Ebenen im Hirn, der mystische Klang im Ohr – es ist eine komplett erschöpfende Erfahrung. Auch das ist eine Passion, das Zuhören. Es ist ein Sog, sicherlich süchtig machend. Ich bin sicher: Wenn es einmal keine Kirchen mehr geben wird, bleibt Bayreuth allein als Erlösungszentrum einer morbiden Spätwelt bestehen, als Tempel in der Wagnerdämmerung, wo man die Zeit in Akten misst und nicht mehr in Stunden.

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IN HÜGELIGEN HÖHEN

Jedes Jahr im Sommer pilgern Wagnerfans ins 1876 eingeweihte Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. Richard Wagner hat das Theater an die Erfordernisse seiner Musikdramen angepasst. So sorgt ein abgedeckelter Orchestergraben für den berühmten Mischklang. Eine Saison hat 30 Aufführungen, die Wartezeiten für Karten betragen oft Jahre.