"Das Gegenteil von Vertrauen ist Angst"

20-10-2017

Erschienen im Oktober 2017 in Christ&Welt in der ZEIT

Die amerikanische Theater-Legende Robert Wilson inszeniert Luther. Kann das gut gehen? Warum die Deutschen ihrem Reformator nicht allzu böse sein sollten – und wir alle etwas mehr Zen im Leben brauchen

Robert Wilson ist müde. Ein langer Probentag liegt hinter ihm. Wilson inszeniert im Berliner Pierre-Boulez-Saal eine Theaterperformance zum Reformationsjubiläum. In "Luther – Dancing with the Gods" lässt er einen alten, erschöpften, verzweifelten Reformator aus seinen Tischreden und seiner Bibelübersetzung wütend deklamieren – im meist stockfinsteren Saal. Luthers Welt ist hier eine dunkle, bevölkert nur von Angst und Gottesfurcht. Licht allein bringt der Berliner Rundfunkchor in die Inszenierung: Vier Bach-Motetten singt der Chor zwischen den Lutherszenen, Bachs Musik erhellt die Gemüter. Doch nach jeder Motette ist wieder Nacht. Die Nacht des Martin Luther. Robert Wilson gibt nicht gern Interviews, schon gar nicht mag er seine Werke erklären, die er als abstrakt bezeichnet. Doch wie denkt er über den großen Reformator? Ein Gesprächsversuch.

Frage: Herr Wilson, sind Sie ein religiöser Mensch?

Robert Wilson: Nein, überhaupt nicht. Ich praktiziere keine Religion. Ich denke, Religion trennt die Menschen, anstatt sie zusammenzuführen. Religion hat keinen Platz im Theater.

Frage: Dennoch haben Sie sich eine zweistündige Theaterperformance zu Martin Luther überlegt ...

Wilson: Ja, anlässlich des Luther-Jubiläums. Ich hatte Vorbehalte. Vielleicht ist es okay, Mitglied in einer Kirche zu sein, aber die Religion aus der Kirche rausnehmen, das sollte man nicht tun. Ich war mir also unsicher mit Luther. Dann hatten wir allerdings die Idee, Bachs Musik für diese Performance zu benutzen, und das machte es für mich einfacher.

Frage: Warum?

Wilson: Für mich ist die Musik von Johann Sebastian Bach, sind die vier Motetten, die wir für "Luther – Dancing with the Gods" verwenden, etwas Spirituelles. Damit man diese Spiritualität spürt, muss man allerdings genau hinhören.

Frage: Und was hören Sie in Bachs Motetten, in Komm, süßer Tod oder Der Geist hilft unserer Schwachheit auf?

Wilson: Ich verbinde sie gar nicht mit einer bestimmten Religion, Konfession oder einem Glauben. Ich denke sowieso abstrakt. Egal, ob ich King Lear, Hamlet oder Johann Sebastian Bach mache, ich breche die Werke runter, sodass ich sie schnell greifen, begreifen kann. Und begreifen kann ich Mathematik und Geometrie.

Frage: Welche geometrische Form fällt Ihnen denn zu Martin Luther ein?

Wilson: Er ist eine Raum-Zeit-Struktur. Ich denke über meine Luther-Performance nicht in den Begriffen einer Erzählung nach. Ich folge keiner Geschichte. Martin Luther war ein weltgeschichtliches Ereignis zu einer bestimmten historischen Zeit, er war ein Zeit-Punkt. In seiner Epoche haben sich viele Dinge grundlegend verändert, manches schnell, manches langsam, manches in den Köpfen der Menschen, manches außerhalb.

Frage: Als Sie sich mit dem Reformator beschäftigt haben, hat Sie etwas an ihm fasziniert?

Wilson: Sicher seine metaphernreiche Sprache. Aber Sprache hat nicht nur etwas mit Sprechen zu tun. Wenn ich Ihnen jetzt in die Augen sehe, sehe ich dort auch eine Sprache. Ihre Hände sprechen ebenfalls eine Sprache. Wenn Sprache gesungen wird, ist sie Musik, und Gesang berührt unsere spirituelle Seite.

Frage: Im Theater finden wir Sprache doch meistens in der gesprochenen Variante vor ...

Wilson: Das ist doch auch Musik! "So dieses Heer von solcher Zahl und Stärke, / Von einem zarten Prinzen angeführt, / Dess’ Mut, von hoher Ehrbegier geschwellt, / Die Stirn dem unsichtbaren Ausgang beut, / Und gibt sein sterblich und verletzbar Teil / Dem Glück, dem Tode, den Gefahren preis ..."

Frage: Shakespeare?

Wilson: Das ist Hamlet. Die gesprochene Sprache repräsentiert für mich die Vernunft, während der Gesang, wie bei Bach, mehr die spirituellen Saiten in uns zum Klingen bringt.

Frage: Die Welt, die Sie für Luther auf der Bühne kreieren, ist sehr dunkel. Sie zeigen einen Angstgetriebenen, keinen Lichtbringer, einen Mann voller Dämonen, schreiend, deklamierend, greisenhaft. Ist er das für Sie?

Wilson: Er ist viele Dinge, er ist alle Dinge, die wir an ihn heften und kleben. Er ist sehr komplex. Damit etwas oder jemand überhaupt hell wird, brauchen wir die Dunkelheit, seine Dunkelheit.

Frage: Können Sie das erklären?

Wilson: (nimmt ein weißes Blatt Papier) Damit ein Raum wirklich dunkel wird, benötigt man Licht. So ist es auch mit Luther. Ich nehme dieses Blatt Papier und halte es vor ein anderes weißes Blatt Papier. Sehen Sie? Dann wirkt es schon recht hell. Nehme ich jetzt diesen schwarzen Stift und halte ihn vor das weiße Papier, wird das Weiß auf einmal weißer – weil es Schwarz gibt. So habe ich es auch mit meiner Darstellung von Martin Luther gemacht. Der Himmel kann ohne die Hölle nicht existieren. Sie gehören zusammen, sie sind eine Welt, nicht zwei.

Frage: Die Lehre von der Hölle ist nun doch etwas sehr Christliches ...

Wilson: Wenn man mich fragen würde, was ist Religion?, dann würde ich sagen: Vertrauen. Was aber ist das Gegenteil von Vertrauen? Angst. Um diesen Dualismus geht es für mich auch immer bei Luther. Das ist sein Ur-Konflikt. Mag eine Vereinfachung sein, aber ich sehe es so.

Frage: Dann ist Luthers Ur-Problem aber auch nur eines, das alle Menschen in sich tragen, oder?

"Ihr Deutschen seid so intellektuell!"

Wilson: Der Forscher Daniel Stern hat in den Siebzigern 250 Filme von Müttern gemacht, die ihr Neugeborenes auf den Arm nehmen, um es zu trösten. Stern hat die Filme ultralangsam abgespielt. In einer Sekunde nimmt eine Kamera 24 Bilder auf. Auf den ersten dieser 24 Bilder schauen die Mütter ihr Neugeborenes erschrocken an, als sie sich ihm zuwenden, als wollten sie es fressen (zieht eine Grimasse und fletscht die Zähne). Die Mütter grimassierten vor den Kindern, stürzten sich auf sie. Aber in den folgenden Kamerabildern lächeln sie dann. Man sieht: Was in einer Sekunde Zeit passieren kann, ist schon ziemlich komplex. Beides ist in uns, Angst und Vertrauen. Die Mütter, als man ihnen die Filme zeigte, waren natürlich schockiert: Aber ich liebe mein Kind doch! Ich ziehe aus diesem Experiment den Schluss: Der Körper bewegt sich immer schneller, als wir denken können, er offenbart die Wahrheit.

Frage: Kann ich Sie etwas über die Kraft des Wortes fragen?

Wilson: Hm!

Frage: In einer Szene Ihres Luther-Stücks sehen wir, wie jemand gesteinigt wird. Auf den Steinen stehen vier Namen, Matthäus, Lukas, Markus, Johannes. Das sind die Namen der Evangelisten. Ist die Bibel ein tödliches Werkzeug, wenn sie falsch eingesetzt wird?

Wilson: Hm ... Man kann viele Assoziationen haben. Würde ich eine Interpretation vorgeben, negierte ich alle anderen möglichen. Die Raupe aus Alice im Wunderland sagt ja auch: Alles, was du denkst, ist wahr.

Frage: Hm.

Wilson: Mein Werk kommt mehr aus der östlichen Philosophie, mehr vom Zen. Die deutsche Erziehung fragt ja immer: Warum? Schrecklich. Da hat man tolle deutsche Schauspieler, die wissen genau, was sie auf der Bühne können. Was sie aber wissen wollen ist: Was bedeutet es? (schüttelt den Kopf erst und vergräbt ihn dann in den Händen) Ihr Deutschen seid so intellektuell!

Frage: Sie können es unmöglich als Kompliment meinen.

Wilson: Die deutsche Erziehung ist dem griechischen Denken verpflichtet. Und dieses Denken beginnt immer mit einer Ursache (er nimmt ein Blatt Papier, schreibt "Ursache" darauf und umkringelt es). Jede Ursache führt irgendwann mal zu einer Wirkung (schreibt "Wirkung" auf das Papier). Aber ich starte immer mit der Wirkung! Wenn ich will, finde ich für meine theatralische Wirkung auch eine Ursache (verbindet beide Wörter mit dem mathematischen Zeichen für Unendlichkeit). Also, guckt es euch doch einfach an! Ich hab die Opernsängerin Jessye Norman bei einer Performance mal Wasser in ein Glas schütten lassen, bis es überlief, so auf den Boden, tropf, tropf. Dann summte sie Amazing Grace, und der Vorhang fiel. Am nächsten Tag fragt mich ein deutscher Journalist agitiert: Warum machte sie denn damit weiter, obwohl das Glas überlief? Oh mein Gott! Also, ich sagte nichts, sie wurde dann ungehalten. Deutsche brauchen Gründe.

Frage: Ich verstehe sie.

Wilson: Dachte ich mir. Was ist der Grund, was ist der Grund? Warum macht Luther in meiner Performance dies oder das? Es gibt keinen Grund! Das Leben ist voll von Gelegenheiten, die verschieden gedeutet werden können.

Frage: Wer in Deutschland zum hochpolitischen Reformationsjubiläum eine Luther-Performance mit Bach-Motetten aufführt, den kann man doch mal fragen?

Wilson: "Wie jeder Anlaß mich verklagt und spornt / Die träge Rache an!" Diese Worte einer Interpretation zuzuführen würde alle Assoziationen begrenzen. Shakespeare selbst hätte niemals komplett verstehen können, was er da geschrieben hat, dazu ist das viel zu komplex.

Frage: Wir hatten in Deutschland viele Diskussionen darüber, ob wir jetzt dieses Reformationsjubiläum feiern sollen oder nicht. Wie stehen Sie dazu? Immerhin hat die Reformation nicht nur Licht gebracht, sondern auch einen Dreißigjährigen Krieg.

Wilson: Exakt.

Frage: Sollen wir es nun feiern?

Wilson: Tja. Wie ich schon sagte. Luther ist ein Zeit-Punkt. Ich habe mal ein Werk über das Leben von Josef Stalin gemacht. Das war eine zwölfstündige Performance, von abends um sieben bis morgens um sieben. Die Leute sagten: Warum machst du ein Werk über Stalin, dieses schreckliche Monster? Aber Stalin hat etwas repräsentiert, eine Zeit, die sich veränderte. Ich urteile nicht, auch nicht über Luther. In meinem Land, den USA, ist alles schwarz oder weiß. Cowboys oder Indianer. Good guys, bad guys. Nun, so einfach ist es nicht. Denken wir immer an die Mutter mit dem Neugeborenen: Sie sagt, ich liebe es, aber im Bruchteil einer Sekunde wird sie zur Medea. Sie könnte ihr Kind töten. Die Dinge sind kompliziert. Und mein Theater sollte am besten einfach gar nicht interpretiert werden.

Frage: Wir Menschen können mit dem Interpretieren aber schlicht nicht aufhören.

Wilson: Wir alle wissen, dass man seine Ansichten nach 24 Stunden schon ändern kann. Und in fünf Jahren sowieso. Wenn Leute aus meiner Luther-Performance kommen, können sie sagen: Das war der schlimmste Tag meines Lebens. Die Ansicht kann sich aber ändern. Ich als Regisseur sage nicht, was etwas ist. Ich frage: Was ist es?

Frage: Was ist Martin Luther?

Wilson: Der Dichter Ezra Pound sagte am Ende seines Lebens im Gefängnis in Pisa: "Und die vierte Dimension ist Stille!" Darum geht es, um Stille, ums Zuhören. Hören Sie Martin Luther zu. Schließen Sie die Augen, dann hören Sie auch gleich besser. So etwas wie absolute Stille gibt es übrigens nicht (schließt die Augen, schweigt). Man wird nur aufmerksamer für Geräusche. Wenn man die Lautstärke abdreht, hört man besser. So ging es mir auch mit Luther. Kann ich besser verstehen, wenn ich ihm zuhöre? Darum geht es.

Frage: Das klingt sehr kompliziert.

Wilson: Ach, ich hoffe nicht. Es hört sich alles immer viel intellektueller an, als ich es meine.

Modernes Genie

Robert Wilson, Jahrgang 1941, ist eine Ikone des modernen Gegenwartstheaters und der Performance-Kunst. Als Regisseur, Lichtkünstler, Maler, Bühnenbildner und Architekt schafft er abstrakte Theaterwelten, in denen sich ein hochstilisiertes, oft nicht mehr deutbares Geschehen vollzieht. In Deutschland, speziell in Berlin, hat Wilson oft gearbeitet, so beispielsweise mit Heiner Müller und Tankred Dorst. Mit dem amerikanischen Komponisten Philip Glass hat Wilson die Oper Einstein on the Beach geschrieben. Lady Gaga wurde von Wilson dabei gefilmt, wie sie das Gemälde Der Tod des Marat nachstellt. Der Rundfunk-Chor Berlin, auf den das gemeinsame Projekt mit Robert Wilson – Luther – Dancing with the Gods – zurückgeht, ist bekannt für seine innovative Herangehensweise an klassische Chorwerke, so erzielte der Klangkörper einen internationalen Erfolg mit einer Neuinterpretation des Deutschen Requiems von Johannes Brahms, dem Human Requiem.