Warum so sachlich, Frau Merkel?

30-01-2019

Erschienen im Dezember 2017 in der ZEIT

In anderen Ländern appellieren Politiker vorm Weihnachtsbaum gerne ans große Gefühl. Bei der Bundeskanzlerin jedoch will dort keine rechte Festtagsfreude aufkommen – das ist sympathisch und typisch deutsch.

Im Bundeskanzleramt steht die Bundeskanzlertanne. Es sind sogar drei, eine hält im Ehrenhof Wache, zwei andere stehen drinnen. Die Staatstannen, das ist ihre erste Eigenschaft, sind natürlich föderalistische Gewächse. Dieses Jahr kommen sie aus Niedersachsen, dem Saarland und Hamburg. Das rotiert. Nächstes Jahr könnte Bayern zum Zuge kommen. Wenn die Staatstannen aus dem Bundesgebiet angekarrt werden, ist das eine Angelegenheit für Tieflader und das THW. Der Baum im Ehrenhof ist stolze 15 Meter hoch und 27 Jahre alt. 5.000 Euro würde die Tanne kosten, müsste die Kanzlerin sie bezahlen, hat der Baumzüchter erklärt. Zum Glück spendet der Waldbesitzerverband Niedersachsen dem Staatsorgan einen Christbaum. Ein wenig erinnert diese freundliche Geste an die einerseits stolzen und andererseits gebeutelten Bauern vergangener Tage, die ihrem jeweiligen Landesherrn zu Erntedank die prächtigsten Feldfrüchte darbieten mussten. Für den Fürsten nur das Beste.

Diese – unbedingt dezente – feudalistische Erinnerung tilgen die Staatstannen im Kanzleramt 2017 aber auch wieder in ihrer nüchternen, demokratischen und deshalb sehr deutschen Festlichkeit. Ihre Kugeln sind rot, aber nicht zu kräftig, ihr Licht ist hell, aber nicht gleißend, Schmuck gibt es, aber nicht zu verschwenderisch. Was nicht so deutsch ist, sind die Ursprünge der Tannen selbst. Die Lieblingschristbäume der Deutschen sind Migranten. Aus dem Kaukasus kommen sie gebürtig, die Nordmanntannen, Abies nordmanniana. Ein finnischer Biologe namens Alexander von Nordmann hat sie entdeckt. Die größte Plantage der Gewächse befindet sich heute in Dänemark. Ein echtes Kooperationsprojekt von Ost-, Nord- und Mitteleuropa ist er also, der deutsche Weihnachtsbaum. Nicht nur im Kanzleramt, auch im Schloss Bellevue und vor dem Reichstag in Berlin stehen offizielle Tannen. Sie zeigen, dass auch der Staat sich auf Weihnachten freut und sich herausputzt, wenn auch nicht so arg wie, beispielsweise, der Ku’damm, dessen Beleuchtung noch aus dem Weltall zu sehen sein muss.

Die Staatsorgane sitzen in wohlausgesuchten Häusern, deren repräsentative Architektur zeigen soll, wie sich die zweite deutsche Demokratie versteht und inszeniert. Folglich ist auch die Dekoration oder Nichtdekoration der Gebäude Teil dieser Inszenierung. Zeremoniell und Dekorum waren der Bundesrepublik stets fremd und sind es immer noch. Betrachtet man das diesjährige Foto von Angela Merkel und dem geschmückten Baum, so bemerkt man als Erstes: Eine freundliche Skepsis liegt im Blick der Kanzlerin, vielleicht sogar ein leichtes Missfallen ob dieser repräsentativ-dekorativen Aufgabe, die ihr, im Advent vor dem Baum stehend, zugefallen ist. Die Kanzlerinnenraute zwingt den Baum in die übliche Optik Merkelscher Bildkomposition. Wenn Angela Merkel mit einem Weihnachtsbaum auf einem Foto zu sehen ist, dann wird nicht Angela Merkel festlich wie der Weihnachtsbaum, sondern der Weihnachtsbaum sachlich wie Angela Merkel. Die Merkelraute steht für Kontrolle und Beherrschtheit (Symmetrie!) – die dem Baum auch anzumerken ist. Er beschränkt sich auf schlichte Kugeln, merkwürdig löchrige Sterne und elektrische Kerzen. Auf eine pompöse Spitze verzichtet er ganz. Er gibt sich bescheiden, ist aber doch sehr traditionell. Am einfachsten zu dekodieren ist seine Lichterkette. Wer kommt an Weihnachten? Es kommt Jesus Christus! Und was sagt Jesus Christus? "Ich bin das (elektrische, d. Red.) Licht der Welt." Und dieses Licht – wie auch das der Wintersonnenwende vom 21. Dezember – tragen alle Christbäume auf ihren Zweigen.

Da in der Bundesrepublik grundsätzlich safety first gilt, haben die klassischen Wachskerzen mittlerweile ausgedient, obwohl ihr Licht viel schöner ist. In diesem Land siegt aber Pragmatismus immer vor Schönheit, auch beim Baum. Vor einigen Tagen druckten die Zeitungen ein Bild, das die Kanzlerin im Konrad-Adenauer-Haus, dem CDU-Hauptquartier in Berlin, zeigt. Hinter ihr steht ein Weihnachtsbaum, dem sogar nur noch ganz kleine, LED-artige Lichtlein gegönnt wurden. Einzige Wachs-Ausnahme unter den Staatstannen: das schmale Bäumchen im Dienstzimmer des Bundespräsidenten, das in den letzten Jahren während der Weihnachtsansprache zu sehen war. Da brennt’s noch richtig.

Die Anfänge des deutschen Weihnachtsbaums liegen im vorstatistischen Zeitalter verborgen, weshalb man nichts Genaues über sie weiß. Verbürgt sind Weihnachtsbäume einiger deutscher Handwerkszünfte im 16. Jahrhundert. Im Straßburger Münster soll es 1539 einen ersten Baum gegeben haben. Im frühen 18. Jahrhundert berichtet die Prinzessin Liselotte von der Pfalz über ein Buchsbäumchen bei Hofe, das zu Weihnachten geschmückt wurde. Die heutigen Kugeln sind nach Ansicht einiger Historiker womöglich Reminiszenzen an die früher weit verbreiteten Äpfel am Weihnachtsbaum – die wiederum auf den Verehrungstag von Adam und Eva hinweisen. Der wurde nämlich eigentlich am 24. Dezember eines jeden Jahres begangen. Es geht also am Baum in Sachen christliche Bräuche einiges durcheinander.

Seit es deutsche Bundeskanzler gibt, haben sie sich mit Weihnachtsschmuck ablichten lassen. Wie selbstverständlich wurden festlich dekorierte Pflanzen Teil dessen, was die Deutschen von ihrer Regierung in der Adventszeit zu sehen bekamen. Konrad Adenauer schaute in den Fünfzigern meditativ in ein Tannengesteck auf seinem Schreibtisch, Ludwig Erhard wurde ein Baum überreicht, während er genüsslich an einer Zigarre zog. Auch die Bundespräsidenten zeigen sich bei ihren alljährlichen Ansprachen durchgängig mit Baum und Bundesadler-Standarte im Bildhintergrund.

Für den Baum war es ein langer Weg, er musste sich über die Jahrhunderte durchsetzen. Der Popularität halfen die höheren literarischen Ehren, die Johann Wolfgang von Goethe dem Baum hat angedeihen lassen. Eine erste Beschreibung stammt aus dem Jugendwerk Die Leiden des jungen Werthers, die zweite ist eine Gelegenheitsdichtung aus Weimar, wo Goethe mitgeholfen haben soll, den Weihnachtsbaum am Hofe des Herzogs zu etablieren.

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.

So schreibt der Dichterfürst zum hohen Fest des Jahres 1822. Ab diesem Zeitpunkt war der Siegeszug des Weihnachtsbaumes nicht mehr aufzuhalten. Preußische Beamte brachten ihn seit 1815 auch ins katholische Rheinland, in die neue preußische Rheinprovinz, in der man vorher eine Krippe aufgestellt hatte und in der man heute immer noch beides aufbaut. Der deutsche Prinzgemahl von Queen Victoria, Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, nahm die Tannentradition Mitte des 19. Jahrhunderts mit nach London, und von dort aus verbreitete sie sich im ganzen Empire.

Die Bedeutung des Christbaums in Deutschland ist gegenwärtig gar nicht zu überschätzen. Er ist das Zentrum des Heiligen Abends, der Star des Fests. Und meist sind seine Kugeln rot, wie auch der Baumschmuck an der Kanzlertanne, der im Lauf der Jahre oft genug der gleiche geblieben ist. War Sparsamkeit nicht auch eine deutsche Tugend?

Was aber ist nun Rot? Rot ist festlich. Rot war kostbar. Rot war die Farbe der Königshäuser und der Kardinäle, die Farbe der Macht. Um Kleidung rot zu färben, musste man jahrhundertelang Purpurschnecken auspressen, der auf diese Art gewonnene Farbstoff war entsprechend teuer. Leisten konnten sich so etwas nur die Allerreichsten. Im christlichen Kontext allerdings steht Rot für den Heiligen Geist und auch für das Blut Christi und der Märtyrer.

Der Kanzlerbaum verhält sich demnach nicht weltanschaulich neutral, dann müsste er von roten Kugeln oder von den Sternen, die doch deutlich auf Bethlehem hinweisen, Abstand nehmen. Zu weit in seinem Bekenntnis geht der Baum aber auch nicht, da er auf ein Christkind oder einen Engel on top komplett verzichtet. Seine christliche Botschaft existiert, ist aber chiffriert.

Andere Staatstannen in anderen Residenzen fahren in Sachen Botschaft ganz anders auf. Im Ehrenhof des Elysée-Palasts in Paris steht der erste Baum im Staat, und er erglänzt in blendendem französischem Blau. Bei ihrer Inthronisation wurde die Tanne mit einer Kutsche hereingezogen. Zur ersten Illumination intonierte ein Spielmannszug der Garde républicaine langsam O Tannenbaum. Im Gegensatz zum deutschen Text spricht der französische vom Tannenbaum als dem "König der Wälder". Die Verehrung der Franzosen für ihren Palastbaum ist also in jeder Hinsicht staatstragend.

Im Rahmen der klassischen amerikanischen Übertreibung steht im Weißen Haus nicht einer, sondern 53 Weihnachtsbäume, und das Weiße Haus ist bedeutend kleiner als das Kanzleramt. Dazu kommen 71 Adventskränze und ein 160 Kilogramm schweres Lebkuchenhaus. Der offizielle Christmas tree des Amtssitzes ist jedoch der Baum im Blue Room. Dieses Jahr zieren ihn die Siegel der amerikanischen Bundesstaaten und Territorien.

Wappen der Bundesländer an Merkels Baum? Undenkbar. Donald Trump und Emmanuel Macron sind umgeben von stolzen Staatstannen mit repräsentativen Funktionen. Dagegen nehmen sich die Gewächse im deutschen Regierungssitz aus wie, tja, Bundesdiensttannen. Doch was ihnen an repräsentativer Ausstattung mangelt, das machen sie auf einer anderen, symbolischen Ebene wieder wett. Von der Größe einmal abgesehen, könnten die Kanzleramtsweihnachtsbäume so auch in einem deutschen Wohnzimmer stehen. Da ist der deutsche Christbaum seit Langem, seit Biedermeier-Zeiten, zu Hause. Der Bundesdienstbaum ist durchschnittlich und übertreibt nicht, fällt in keiner Hinsicht aus der Reihe. Darin ist er vor allem eines: sehr bürgerlich. Und privat. Solche Bäume haben deutsche Bürger auch zu Hause, im Wohnzimmer, zwischen Fernseher und Bücherregal. Die deutsche Staatstanne ist letztlich, diesen Schluss muss man ziehen: eine von uns.