"Bachs Musik ist voller Leid"

30-01-2019

Erschienen zu Ostern 2018 in der ZEIT

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble liebt Bach und muss an den Tod denken, wenn er ihn hört. Ein Interview

Wenn Wolfgang Schäuble Journalisten ein Interview gibt, geht es meist um Macht und Geld. Selten spricht er über seine liebste Freizeitbeschäftigung: klassische Musik hören. Als Jugendlicher spielte er Geige, als Finanzminister etablierte er eine Konzertreihe im Ministerium, von Angela Merkel lässt er sich Operntipps geben. Fast jede Woche ist er bei den Berliner Philharmonikern.

Kaum einen Komponisten verehrt Wolfgang Schäuble so sehr wie Johann Sebastian Bach. Und kein Werk Bachs berührt ihn so sehr wie die "Matthäus-Passion". Am vergangenen Mittwoch, dem 333. Geburtstag des Komponisten, sitzt Wolfgang Schäuble in seinem frisch bezogenen Bundestagspräsidenten-Büro und hat eine halbe Stunde Zeit, um über seine Liebe zu Bach zu sprechen.

DIE ZEIT: Herr Schäuble, wie und wo hören Sie die Matthäus-Passion am liebsten?

Wolfgang Schäuble: Gern im Konzert, lieber noch in der Kirche. Am liebsten im Freiburger Münster, einmal im Jahr, in der Fastenzeit vor Ostern. Dort sind die Bänke hart, und es ist kalt.

ZEIT: Warum dort?

Schäuble: Weil die Matthäus-Passion als sakrales Kunstwerk den sakralen Raum braucht, um richtig zu wirken. Die beiden Passionen Bachs, die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, thematisieren das menschliche Leid im Angesicht Gottes.

ZEIT: Man sollte also leiden, wenn man Bach hört?

Schäuble: Sagen wir so: Ohne die Zumutung kann man den Genuss, den Bach für einen bereithält, nicht richtig genießen. Die Matthäus-Passion packt einen zweieinhalb Stunden lang und lässt einen nicht los. Danach ist man ergriffen, aber auch erschöpft. So soll es sein.

ZEIT: Können Sie sich nach einem langen Arbeitstag einer solchen Erschöpfung aussetzen?

Schäuble: Natürlich nicht. Die Matthäus-Passion lässt sich nicht nebenbei oder nach Feierabend konsumieren. Dazu braucht man Zeit und innere Bereitschaft. Man muss sich vorbereiten.

ZEIT: Vorbereiten?

Schäuble: Zur Ruhe kommen, sich sammeln. Wenn ich daheim in Offenburg bin und von dort zur Matthäus-Passion nach Freiburg fahre, genieße ich die Stunde Ruhe im Auto und versuche, möglichst wenig zu reden. In Berlin lässt sich die Geschäftigkeit des Alltags nur selten vergessen. Vor Kurzem durfte ich so einen Moment erleben. Im Reichstag wurde bei einer Konzertveranstaltung Schubert gespielt, eine Dreiviertelstunde lang. Durch die Fenster schien die Sonne. Der Himmel war blau, nur ein paar Wolken. Es war herrlich.

ZEIT: Können Sie sich fallen lassen, wenn Sie klassische Musik hören?

Schäuble: Fallen lassen, versenken – Sie können es nennen, wie Sie wollen. Anders kann ich Musik nicht empfinden. Ich bin für Berieselung nicht geschaffen.

ZEIT: Kommt es manchmal vor, dass Sie weinen, wenn Sie Bach hören?

Schäuble: Weinen ist nicht gerade meine Stärke. Ich bin auf andere Art ergriffen.

ZEIT: Wie können wir uns das vorstellen?

Schäuble: Es wird still in mir.

ZEIT: Denken Sie an den Tod, wenn Sie die Matthäus-Passion hören?

Schäuble: Das ganze Werk ist eine Reflexion über die Sterblichkeit. Wer es hört und nicht an den Tod denkt, ist wohl nicht ganz bei der Sache.

ZEIT: Bachs große Themen sind das Leid, das Opfer, die Schuld und die Vergänglichkeit. Was sagt einem das heute?

Schäuble: In seinen Passionen zeigt Bach, wie der Mensch ist: nicht großartig oder heldenhaft, sondern sündig und begrenzt. Der Mensch lügt, er verrät, er manipuliert, lässt sich manipulieren. Die ganze Politikgeschichte wird, wenn Sie so wollen, in den Passionen mit verhandelt.

ZEIT: Bachs Blick auf die Menschheit war nicht gerade optimistisch.

Schäuble: Das ist das Menschenbild, das dem Christentum zugrunde liegt. Jedenfalls in der protestantischen Interpretation, und ich bin nun mal Protestant. Wir alle, das ist als evangelischer Christ meine Überzeugung, sind erlösungsbedürftig und in Schuld und Sünde gefangen. Aus diesem Glauben heraus mache ich Politik: nicht für die Menschen, wie sie sein sollen, sondern für die Menschen, wie sie sind. Das unterscheidet den Politiker vom Ideologen. Der Ideologe lehnt das Leben ab, indem er vorgibt, es besser zu machen

ZEIT: Muss man sich mit Bachs Biografie beschäftigen, um seine Sicht auf den Tod zu verstehen? Ist es nötig, zu wissen, dass zehn seiner Kinder starben, bevor sie drei Jahre alt waren?

Schäuble: Nein. Ich persönlich zähle nicht zu den biografischen Hörern. Mir sind die Lebensläufe von Komponisten und Schriftstellern herzlich egal. Mich interessiert, was diese Menschen zu sagen haben – und was sie mir sagen.

ZEIT: Woher wissen Sie dann, dass Bach die Menschen liebte?

Schäuble: Hören Sie hin! Seine Musik ist voller Leid, aber eben auch voller Mitgefühl und Hoffnung.

ZEIT: Das sagen Sie als Christ. Kann man das auch nachempfinden, wenn man mit Religion nichts am Hut hat?

Schäuble: Natürlich. Alle Menschen interessieren sich – mal mehr, mal weniger – für die grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz. Insoweit muss man nicht gläubig sein, um die Matthäus-Passion zu mögen. Es schadet aber auch nicht.

ZEIT: Können Sie sich erinnern, wann Sie die Matthäus-Passion zum ersten Mal gehört haben?

Schäuble: Als Schüler, denke ich. Damals habe ich noch selber Geige gespielt. Da hört man Musik natürlich anders.

ZEIT: Waren Sie ein guter Geiger?

Schäuble: Ich habe mehr gekratzt als gespielt. Nein, ein großer Geiger war ich nie.

ZEIT: Vermissen Sie das Musizieren?

Schäuble: Ich habe mich bereits vor langer Zeit damit abgefunden, manche Dinge nicht mehr zu können. Dazu gehört das Geigespielen. Seitdem ich im Rollstuhl sitze, kann ich auch nicht mehr Tennis spielen. Das vermisse ich auch nicht. Dabei war ich wesentlich besser als Tennisspieler denn als Geiger.

ZEIT: Als Komponist ist Bach für den klaren Aufbau und die mathematische Strenge seiner Werke bekannt. Fühlen Sie sich ihm in der Strenge verbunden?

Schäuble: Nicht nur darin. Man unterschätzt Bach allerdings, wenn man ihn auf die Strenge reduziert. Er ist so ungeheuer viel reicher und tiefer.

ZEIT: Sie klingen fast ehrfürchtig.

Schäuble: Wenn man vor Bach nicht ehrfürchtig wird, vor wem dann?

ZEIT: Von dem Gitarristen Andrew Schulman heißt es, er sei dem Tod entronnen, weil seine Frau ihm die Matthäus-Passion vorspielte, als er im Koma lag. Glauben Sie, Musik kann heilen?

Schäuble: Sie hat eine tröstende Kraft. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Musik kann eine Heilung sicher positiv beeinflussen. Doch bislang habe ich nicht gehört, dass man Konzertbesuche bei der Krankenkasse abrechnen kann.

ZEIT: Sie haben, als Sie 1990 nach dem Attentat wochenlang im Krankenhaus lagen, auch Musik gehört? Welche?

Schäuble: Am Anfang hörte ich, was das Krankenhausradio so hergab. Dort lief vor allem Musik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die Mannheimer Schule. Wenn Sie als Frischverletzter regungslos auf dem Rücken liegen und eine lange und wache Nacht hinter sich haben, dann ist Musik am Morgen ein Segen.

ZEIT: War Bach auch dabei?

Schäuble: Ich weiß es nicht genau. Die Matthäus-Passion jedenfalls nicht. Das wäre damals zu viel für mich gewesen.

ZEIT: In der Matthäus-Passion lauten die letzten Jesus-Worte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In der Johannes-Passion heißt es schlicht: "Es ist vollbracht." Mit welcher Botschaft können Sie sich mehr identifizieren: mit seiner Verzweiflung oder seinem inneren Frieden im Angesicht des Todes?

Schäuble: Die Hoffnung und die Bitterkeit sind mir gleich nah.

ZEIT: Wie das?

Schäuble: Beiden liegt dieselbe christliche Botschaft zugrunde: Wir leben nicht nur aus uns heraus. Wir sind nicht allein, auch wenn wir manchmal denken, wir wären es. Nennen Sie es Schicksal. Ich nenne es Trost.