Der Reformator

30-01-2019

Erschienen im April 2018 in ZEIT Christ und Welt

Thomas Frings war Priester im Münsterland. Dann schrieb er einen Bestseller über die Missstände in der katholischen Kirche. Von den Hierarchen wollte ihn niemand hören. Was wird nun aus ihm?

Thomas Frings würde seine Kirche gern verändern, doch sie lässt ihn nicht. Der Pfarrer braucht eine Gemeinde, doch kein Bischof gibt sie ihm. Er sieht die Probleme, er sieht den Niedergang, und er hat Ideen, wie dieser Niedergang sich aufhalten ließe. Doch man ignoriert ihn. Noch jedenfalls. Wie hält Thomas Frings das aus?

Frings liebt seinen Job. Er tauft gern, er traut gern, er beerdigt gern, er feiert gern die Messe. Doch im vorletzten Jahr platzte ihm der Kragen. Er war damals noch Pfarrer im Münsterland und beschwerte sich öffentlich, machte seinem Ärger bei Facebook Luft: "Wir haben den Satz 'Die Menschen da abzuholen, wo sie stehen' gelernt umzusetzen. Jetzt müssten wir noch den Umstand akzeptieren, dass immer mehr Menschen gar nicht dahin wollen, wo wir sie hinführen möchten, nämlich zur Mitfeier dieser Sakramente" , schrieb der Pfarrer. Er beklagte den Umstand, dass viele seiner Gottesdienstbesucher keine Ahnung mehr hätten und die Messe zu ein, zwei Gelegenheiten im Leben als Serviceleistung betrachteten, die dann aber perfekt performt werden müsse. Frings beklagt, dass die Kirche vor diesem und anderen Phänomen, etwa dem eklatanten Priestermangel, die Augen verschließe und mit den immer gleichen uralten Rezepten versuche, der Erosion Herr zu werden. Warum nicht neue Gottesdienstformen ausprobieren, wenn die alten eh niemand mehr versteht?, fragt er. Etwas im kirchlichen Angebot zu verändern, das würde helfen. Alternativen zur klassischen Messe zu entwickeln, das würde helfen.

Nach seinem Facebook-Post lässt Frings sich freistellen und geht in ein holländisches Kloster. Er denkt nach, er schreibt ein Buch: Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein wird ein Spiegel-Bestseller. Das Buch vertieft die Kluft zwischen ihm, seinen Mitbrüdern und seinen Vorgesetzten. Jetzt ist Thomas Frings ein Reformer ohne Reformprojekt. Sein offen vorgetragener Wunsch, etwas verändern zu wollen, hat ihn vielleicht die Möglichkeit gekostet, genau das tun zu können.

"Ich bin absolut nicht frustriert", sagt Thomas Frings. Er trägt eine rote Clownsnase und steht am Eingangstor zum Kloster der Benediktinerinnen in Köln-Raderberg. Unser Treffen findet statt am Tag nach Weiberdonnerstag. Es ist ein klirrend kalter Tag, sehr gut, um den Kopf nach dem Exzess durchzulüften. Hier wohnt Frings jetzt, bei den Schwestern. Es ist eine Zwischenlösung.

Man muss den Weg, den man geht, richtig finden, sonst kann man ihn nicht gehen. Oder nur unter großen Schmerzen. Thomas Frings fand den Weg seiner Kirche nicht mehr richtig. Sie macht immer weiter, obwohl die Gläubigen in Scharen austreten oder den Messen fernbleiben. Die Wut über diese Strategie ist Frings’ Buch anzulesen. Doch bösartig ist das Werk nicht, eher humorvoll, weil sein Autor der Institution, die er kritisiert, so sehr zugeneigt ist.

In seinem Exil, dem holländischen Willibrordsabdij-Kloster in Doetinchem hat Frings letztes Jahr den Boden geschrubbt und die Heizöfen angemacht. Von Pfingsten 2016 bis Pfingsten 2017 war er dort. "Da wurde nicht auf Rang, Namen oder akademischen Grad geachtet, da erledigt der Letzte, der kommt, die Aufgabe, die grade frei ist." Bei den Brüdern hatte Frings einen strikt durchgetakteten Tagesablauf. Das hat ihm geholfen. Doch nach einem knappen Jahr im Wald, in einem Kloster, in das nicht mal eine asphaltierte Straße führt, war es auch gut mit dem Sammeln in Abgeschiedenheit: "Wenn ich heute schon weiß, was ich in 30 Jahren am Donnerstagmorgen um 6.30 Uhr mache, dann ist das zwar gut für ein Jahr, aber nicht für den Rest meines Lebens." Es war klar, Pfarrer Frings musste wieder raus, in die Welt.

Da ist er jetzt. Wenige Minuten vom traditionellen Zentrum der Kölner Südstadt, dem Chlodwigplatz, entfernt, wohnt Thomas Frings auf 60 Quadratmetern unterm Dach. Seine Gastgeberinnen sind urbane Experimentier-Schwestern. Vier Generationen von Benediktinerinnen wohnen und arbeiten in Raderberg im Herz-Jesu-Kloster. Das Kloster wächst, ganz gegen den Trend. Seit 1896 leben die Benediktinerinnen hier, die Stadt ist um das dunkle Gebäude mit seiner eisenbeschlagenen Eingangstür herum gewachsen, hat den Klostergarten mit seinen Laubengängen, mit den Kühen und den Blumen, zu einem innerstädtischen Refugium gemacht. Eine Ruhe-Insel inmitten des rheinländischen Lärmens und Palaverns.

Hier hat Thomas Frings eine Aufgabe, aber er wartet auf eine größere. Als er sich nach der Auszeit in Holland beim Bistum Münster wieder zum Dienst meldete, hatte man keine wirkliche Verwendung mehr für ihn. Das hat Frings enttäuscht, aber: "Ich habe mich durch den Abschied aus der Gemeinde und das Buch auch für 90 Prozent aller traditionellen Pfarrerstellen disqualifiziert, ich wusste, dass es schwierig wird." Es wurde dann richtig schwierig, als das Bistum Münster ihm nur einen Job als Pfarrer der Landesgartenschau 2020 in Kamp-Lintfort anbieten konnte. Das war nicht ganz die Zukunft, das avantgardistische Experiment, von dem Frings in seinem Buch träumt.

Es schlug die Stunde von Schwester Emmanuela. Sie leitet das Kölner Benediktinerinnenkloster. Die Priorin lud den heimatlos gewordenen Pfarrer, der nicht mehr im holländischen Exil leben wollte, ein. Erst nur für ein paar Wochen, dann, nach einer Eucharistiefeier, fragte sie ihn unumwunden in der Sakristei, ob er nicht komplett zu den Benediktinerinnen nach Köln ziehen wolle. Er wollte. Hier hält er Predigten, hier hilft er bei der Konzeption eines Kita-Neubaus. Gemeinsam mit den Schwestern denkt er darüber nach, was das heißen könnte: Kloster in einer Großstadt im 21. Jahrhundert zu sein. Neulich haben die Benediktinerinnen beschlossen, ihre Sonntagsmesse auf 10.30 Uhr zu verschieben, damit mehr Gäste kommen können. Sie bieten sinnsuchenden Frauen die Gelegenheit, ein paar Monate im Kloster mitzuwohnen. Sie haben eine tunesische Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Und sie betreiben auch eine Hostienbäckerei. Erst hat man eine neue bauen wollen, aber: "Dann haben wir gemerkt, das bringt nix, die Nachfrage ist ja gar nicht da – so haben wir uns für eine Kita entschieden", sagt Schwester Emmanuela.

Die jüngste Novizin des Konvents ist erst diesen Januar eingetreten, die zweitjüngste ist eine Hannoveraner Friseurin mit Undercut. Frings ist fasziniert davon, dass jemand, dem seine Frisur so viel bedeutet, den Schleier nimmt, das Haupt verhüllt. Hier ist er am richtigen Ort. An der Wand seiner neuen Wohnung hängt der berühmte Verwandte, der Kardinal. Thomas Frings ist Neffe des in Köln hochverehrten Erzbischofs Josef Frings. Auf die berühmte Verwandtschaft wird er aber nicht so gern angesprochen, er steht lieber für sich selbst, mag sich nicht im Glanz des gleichnamigen Kardinals sonnen.

Seit er in Köln wohnt, hat Frings wieder ständig neue Ideen. Gerade möchte er ein Büdchen, einen Kiosk neben dem Kloster, anmieten. Dort könnte man doch eine Einsiedelei einrichten, mitten in der Großstadt! Ein Bett, ein Stuhl, Porzellan, Nasszelle, das war’s. "Änderungsatelier" soll das Ganze heißen und Sinnsuchenden die Möglichkeit geben, durch, neben oder mit einem Kloster Ordnung im Kopf zu schaffen. Zusätzlich ist Frings mit dem Kölner Stadt-Anzeiger in Verhandlungen über eine Kolumne. Frings’ erste Idee war, die Textserie "No sex and the city" zu nennen. Wahrscheinlich, so meint er, ist das aber zu provokant.

Ein Kiosk ist ein guter Anfang, aber für eine generalstabsmäßige Reform ist ein Kiosk ein wenig klein. Frings nimmt die Ignoranz der deutschen Bischöfe seiner Person gegenüber locker, noch jedenfalls. Er verzweifelt an den Strukturen, aber er freut sich tatsächlich – immer noch und seit Jahrzehnten – über seinen Job, das Priestersein an sich. Das Kerngeschäft macht ihn nach wie vor glücklich. Wenn er kein energischer Reformer sein darf, so ist er doch wenigstens ein begeisterter Seelsorger. Das erfüllt ihn, möglicherweise rettet es ihn auch vor verhängnisvoller Frustration.

Wenn schon die Granden der deutschen katholischen Kirche sich nicht – zumindest nicht öffentlich – seiner Ideen annehmen, andere tun es. Eine Schulklasse aus dem Sauerland will mit Frings über die Zukunft der Kirche reden, Priesterseminaristen möchten Tipps für das Leben als Kleriker, Frings geht zu Podiumsdiskussionen und hält Vorträge. Doch einige Mitbrüder sind sauer auf ihren Kollegen. Sie betrachten ihn als Deserteur. Sie sagen: Dein Weggang hat ein Loch gerissen, und so müssen wir noch mehr Arbeit erledigen als ohnehin schon! Frings denkt: "Und denen fällt, während sie das sagen, nicht auf, dass es so nicht weitergehen kann, wenn wir doch immer weniger Priester werden!" Er sitzt in seiner Mansardenwohnung und schüttelt über einer Tasse Tee den Kopf, der aus einem Rollkragenpulli hervorlugt. Frings ist ein Mann der klaren Worte, Selbsttäuschung toleriert er nicht. Wahrscheinlich geht Kirchendiplomatie anders.

"Trauen die Verantwortlichen sich, bei der Visitation durch den Bischof ein ehrliches Bild zu zeigen, oder werden für solche Ereignisse alle Kräfte mobilisiert? Wie kommen manche Prozentzahlen bei den Kirchenbesucherzählungen zusammen, wenn man sich sonntags mal umschaut?", fragt er. "Vielleicht wollen wir einander auch nur nicht entmutigen! Wer jedoch von falschen Vorgaben aus startet, der kann sich leicht im Gelände verlaufen. Es geht nicht um Pessimismus, nicht um Optimismus, sondern ich glaube, dass Realismus angesagt ist."Die Schwestern von Köln-Raderberg in ihrem blauen Habit denken das auch. Das Klostersterben, sagen sie, hat schon lange vor dem Kirchensterben angefangen. Bei den Benediktinern ist man es gewohnt, dass geschlossen, ausgeräumt, abgewickelt wird. "So ist Geschichte eben", sagt Schwester Emmanuela nüchtern. Wenn etwas dem Ende entgegengehe, dann nicht, weil irgendjemand etwas falsch gemacht habe, sondern weil komplexe gesellschaftliche Veränderungen stattfinden. "Es gibt Orden, die leben ein Stück Sterbekultur vor. Sie leben das Loslassen vor", sagt die Priorin.

Frings liebt Köln. Er muss noch seiner Tante auf dem Melatenfriedhof Luftschlangen aufs Grab legen, ist ja Karneval. Zusätzlich zu seinen Verpflichtungen im Kloster hat er eine halbe Stelle als Pfarrer in Köln-Porz. Er gilt als guter Prediger, Sprache ist sein bevorzugtes Instrument. Essen könnte er sich zukünftig als Einsatzort gut vorstellen, er schätzt den unsentimentalen Kurs des Ruhrbischofs Overbeck in Zeiten abnehmender Katholikenzahlen sehr. Aber Hamburg, München, Berlin: Alles schöne Städte, keine Frage, sagt Frings. Bei der Kirche kann man sich als Priester nicht gut um Jobs bewerben. Es läuft anders, indirekter. Schade für Pfarrer Frings ist das auf jeden Fall: In jeder anderen Branche wäre sein Buch ein hervorragendes Bewerbungsdokument. In der Kirche behindert es ihn sogar.

Kann die katholische Kirche es sich leisten, diesen Thomas Frings auf Dauer zu ignorieren, nur weil er wortmächtig aufgeschrieben hat, was alle, die ehrlich zu sich sind, längst wissen müssten? Wie lange kann man da fröhlich bleiben? In eine Missmut-Diskussion lässt sich Pfarrer Frings nicht hineinziehen. Im Gegenteil. Wenn er von seiner Kirche redet, fängt er an, von innen zu leuchten. Er redet sich in Rage, darüber, dass die Kirche eine der ältesten und größten Institutionen der Welt sei (genauso kosmopolitisch sei möglicherweise nur das Internet), dass 2.000 Jahre lang Philosophen und Theologen zu ihrem intellektuellen Reichtum beigetragen haben. Nicht zuletzt liebt Frings die Internationalität des Katholischen. In einer Messe fühlt er sich sofort zu Hause, egal in welchem Land er gerade ist. Er fühlt sich diesem Erbe verpflichtet, will auch deshalb die Stellung halten und weitermachen. Aber: Immer nur weitermachen, das ist zu wenig, sagt Pfarrer Frings. "Das ist zu wenig für die Berufung, die wir haben.