Wenn Gott sich aufmacht

03-02-2019

Erschienen im Mai 2018 in ZEIT Christ&Welt

Fronleichnam ist das katholischste der Feste – und gerade deshalb eine Einladung an alle, mitzufeiern.

Wenn der Katholizismus eine Religion fürs Auge ist, dann ist Fronleichnam das katholischste Fest überhaupt. Am Kölner Dom, zum Beispiel, dauert der Einzug der liturgischen Heerscharen in die Kathedrale weit über fünf Minuten. Unter Chorgesang und Posaunenklängen – Fronleichnam ist auch das Hochfest der Blechbläser – defilieren Dutzende, aber wirklich Dutzende Messdiener an den Besuchern vorbei. Dann folgen Diakone, Priester, Prälaten, Zelebranten, Konzelebranten, Domherren und am Schluss der Bischof selbst, der ein Kardinal zu sein pflegt. Es ist ein Sinnesrausch aus Rot, Violett, Gold, Weiß und Purpur. Und die Straßenprozession erst! Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen! Stimmen dir ein Loblied an!

Wenn dann der ganze Zug über den Roncalliplatz kommend zum Dom zurückkehrt, eingehüllt in wolkenhohe Weihrauchschwaden, der Kardinal mit der Monstranz in seiner Mitte, über ihm ein prachtvoller Baldachin, der, wie die Monstranz auch, aus dem Fundus der Domschatzkammer stammt und unbezahlbar ist, dann versteht man, warum Katholiken das Fest lieben und Martin Luther es hassen musste. Dieser ganze (wunderbare) Tand und Schmock! Aber Fronleichnam ist mehr als das. Es ist mehr als eine Prozession, es ist eine Demonstration. Eine Demonstration, bei der nicht nur die weltlichen, sondern auch die theologischen Kronjuwelen präsentiert werden. Öffentlich für jedermann sichtbar, in einem politischen Akt. Fronleichnam ist das katholischste und zugleich das öffentlichste aller Feste. Damit ist es auch eine Einladung an alle. Zum Fronleichnamsdonnerstag kann sich ein jeder aufmachen und mitdemonstrieren. Fronleichnam ist nicht nur harte Theologie, sondern auch allgemeines Brauchtum, das Schaulustige anzieht – wie ein Karnevalsumzug.

Die gemeinsame Wortherkunft der Monstranz und der Demonstration, das lateinische Verb "monstrare" (zeigen, weisen), ist kein Zufall. Die Katholiken zeigen bei diesem Fest etwas, das sie fast exklusiv haben: ihre eigene Abendmahlslehre nämlich, von der sie nach der Reformation glaubten, sie möglichst pompös feiern zu müssen.

"Es ist das allerschändlichste Fest", schreibt Luther 1530 denn auch. "An keinem Fest wird Gott und sein Christus mehr gelästert, denn an diesem Tage und sonderlich mit der Prozession. Denn da tut man alle Schmach dem heiligen Sakrament, dass man’s nur zum Schauspiel umträgt und eitel Abgötterei damit treibet." Abgötterei, Martin? So geht natürlich die katholische Sichtweise nicht. Sie besagt, dass Katholiken an Fronleichnam (mittelhochdeutsch vrône lîcham, Leib des Herrn) die leibliche Gegenwart Jesu im Sakrament der Eucharistie feiern. Heißt, Christus ist nach der Wandlung im Brot, das dann allerdings seiner Natur nach kein Brot mehr ist, sondern nur noch die Gestalt von Brot hat, real gegenwärtig.

Deshalb nimmt man an Fronleichnam eine besonders schöne und besonders große Hostie und trägt sie in einem goldenen Schaugefäß, eben der Monstranz, durch die Straßen der Stadt oder auch über Äcker oder über Seen. Dabei macht man allerlei Ehrfurchtsbezeigungen. Der Priester darf die Monstranz nur mit einem Tuch über den Händen, dem Velum, anfassen, über der Monstranz spannt sich ein Baldachin, unter Gesang und Gebet wird sie fortgetragen, über Blumenteppiche und Altarstationen hinweg. Es wird also, den Erfindern des Festes zufolge, kein bloßes Brot derartig verehrt, sondern der Heiland selbst. Theologisch ausgedrückt: Man feiert an Fronleichnam die Realpräsenz. Damit zeigt man anderen christlichen Konfessionen, wo der Hammer hängt. Denn die extreme Form des Realpräsenzglaubens, den haben die Katholiken für sich allein.

Es handelt sich beim Hochfest des Leibes und Blutes Christi, wie es ausgewachsen heißt, demnach um das vielleicht prachtvollste Fest im ganzen Jahreslauf, das aber das Pech hat, zu Ehren einer theologischen Idee abgehalten zu werden, die weder jeder Katholik kennt noch jeder Katholik teilt. Was ja nur zeigt: Katholiken können sehr gut etwas feiern, das sie nicht unbedingt verstehen.

Historisch betrachtet ist Fronleichnam ein Abgrenzungsfest. Zwar wurde es von Papst Urban IV. schon im 13. Jahrhundert offiziell eingesetzt, aber zu größter Prachtentfaltung gelangte es erst während der Gegenreformation. Das in Sachen Gegenreformation notorische Konzil von Trient (1545–1563) fixierte die – nun katholische und nicht gesamtchristliche – Abendmahlslehre im Dekret über die Eucharistielehre: "Zu Beginn lehrt die heilige Synode und bekennt offen und ohne Einschränkung, dass im segensreichen Sakrament der heiligen Eucharistie nach der Konsekration von Brot und Wein unser Herr Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch, wahrhaft, wirklich und substanzhaft unter der Gestalt jener sinnlichen Dinge enthalten ist." Wer seither etwas anderes behauptete, der log, oder, in Konzilssprech: "Der sei ausgeschlossen" (lat.: anathema sit).

Ausgeschlossen waren fortan jene "streitsüchtigen und bösen Menschen", welche die "Wahrheit des Fleisches und Blutes Christi verneinen". Wer das tat, war "ehrfurchtslos" und "teuflisch". Man kann es Protestanten sehr hoch anrechnen, wenn sie heute Fronleichnam mitfeiern. Nicht, dass das ein epidemisch auftretendes Phänomen wäre, aber punktuell gibt es Annäherungen. Als der Evangelische Kirchentag 2007 in Köln stattfand, durfte Kardinal Meisner die Monstranz zum Beispiel auch über eine Hauptbühne tragen, die als Prozessionsstation fungierte. Im kommenden Jahr tagt der Evangelische Kirchentag auch zu Fronleichnam, und zwar in Dortmund. Ob es dann wieder eine nette Geste geben wird?

Im erzkatholischen Frankreich sind während der Gegenreformation angeblich Hugenotten erschossen worden, die vor Fronleichnamsprozessionen nicht den Hut ziehen wollten. Diese – freilich grausige – Vormachtstellung hat die katholische Kirche in vielen Teilen Europas mittlerweile eingebüßt. In deutschen Städten wie Hamburg müssen die Gemeinden, die eine Prozession abhalten wollen, bei der Polizei eine Demonstration anmelden. Eine lustige Übereinstimmung juristischer und theologischer Gegebenheiten. Doch heute hat die Fronleichnamsdemo eine große Chance, die sogar in der Diaspora liegt. Fronleichnam kann inklusiv werden statt exklusiv. Indem es einen Glauben und vor allem eine prachtvolle Liturgie nach außen trägt, die sonst nur hinter verschlossenen Türen stattfindet. Fronleichnam kann eine partizipative Zukunft haben, vielleicht mit den Brüdern und Schwestern evangelischen Glaubens. Zunächst müssen sich aber genug Katholiken mobilisieren lassen und durch die Straßen ziehen. Vielleicht machen Andersgläubige aus Neugier ja mit? Es wäre der Paradiesvogeleffekt, zu beobachten auch dieses Jahr wieder in Berlin-Mitte, wo kühne Hauptstadtkatholiken die Straßenzüge um den Gendarmenmarkt unsicher machen werden. Die Kirche hat nicht mehr die Macht, zur Fronleichnamsfrömmigkeit zu zwingen, aber sie kann den Mut haben, dazu einzuladen.

Mit ihrer Fronleichnamsprozession weisen Katholiken sehr deutlich auf den Kern ihres Glaubens hin, dessen theologiegeschichtliche Architektur, die Realpräsenz, die Transsubstantiation, auch noch schwer verständlich ist. Es ist also ein sehr spezielles und nicht zuletzt politisches Vergnügen, so eine Fronleichnamsprozession-Demonstration. Und selbst in Hamburg, dieser nüchternen deutschen Stadt, findet man sich an Fronleichnam im Mariendom wieder, zwischen Uniformierten und Bannerträgern, Blaskapellen und sogar zwischen Marienrittern in bodenlangen Umhängen. Dieses Brauchtum, die Kirche nennt es in ihrer eigenen Sprache eine "fromme Übung", ist selbst in der härtesten Diaspora nicht totzukriegen. Wie lässt sich dieser Erfolg erklären?

An Fronleichnam kommen alle großen Highlights und Publikumslieblinge des Katholizismus zusammen. Es sind die Kennzeichen, welche die Konfession auch nach außen hin von anderen Konfessionen unterscheiden: Es wird dauernd gesungen, und zwar nur die großen Hymnen. Das "Tantum ergo" des heiligen Thomas gibt einen Vorgeschmack:

Kommt und lasst uns tief verehren
ein so großes Sakrament,
dieser Bund wird ewig währen,
und der alte hat ein End.
Unser Glaube soll uns lehren,
was das Auge nicht erkennt.

Dazu treten Hits wie "Ein Haus voll Glorie schauet" und "Lobe den Herrn". Ganz am Ende folgt dann auch noch das Te Deum, "Großer Gott, wir loben dich", dessen Donnerhall sich niemand entziehen kann. Zum Singen kommt das Knien, eine Demutsgeste, die vielen anderen christlichen Konfessionen fremd ist. Besonders beim eucharistischen Segen mit der Monstranz wird gekniet, was die Bank hergibt. Obwohl man kniet, ein erhebender Moment. Auch das Auge feiert mit. Es erscheinen kostbare Gefäße, Gewänder und Accessoires, alles bedeutende kunsthandwerkliche Gegenstände, oft jahrhundertealt. Es glitzert und raschelt und blinkt, was das Zeug hält. Das Ganze ist aber nicht als Blendung und Vernebelung gedacht, sondern geschieht soli Deo gloria, allein zur Ehre Gottes.

Fronleichnam ist ein fröhliches Fest, an dessen Pracht jeder Mensch offenen Herzens teilhaben kann. Zugegeben: Es ist ein wenig kompliziert. Aber Katholiken sollten unbescheiden zeigen, was sie haben, und die anderen einladen, mitzufeiern. Auch wenn das bedeutet, sich in manchen Städten Nord- oder Ostdeutschlands dabei komisch ansehen lassen zu müssen. Gerade dort, wo Fronleichnam das bedeutet, darf man auch mal Toleranz der anderen einfordern. Und sollte vor allem mitdemonstrieren.