"In der Kirche herrscht ein Bürgerkrieg"

03-02-2019

Erschienen in ZEIT Christ&Welt im Juni 2018

Warum stoppte der Papst die deutschen Bischöfe bei der Kommunion für Protestanten? Das Problem ist viel größer als Deutschland, sagt der Vatikankenner Marco Politi

Letzte Woche schrieb der Chef der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, den deutschen Bischöfen einen Brief. Er stoppte damit im Auftrag des Papstes überraschend die Weiterarbeit am Dokument über die Eucharistie für Protestanten, die Franziskus zuvor noch gefordert hatte. Seither fragen sich die Katholiken: Ist der Papst doch nicht so modern, wie er früher immer getan hat – oder warum bremst er nun die Liberalen aus? Marco Politi hat ein Buch über die Feinde des Papstes geschrieben – und die sieht er auch jetzt im Kommunionsstreit wieder am Werk.

Frage: Herr Politi, Anfang Mai sagte der Papst den deutschen Bischöfen noch: Einigt euch im Kommunionsstreit. Jetzt hat er aber doch selber ganz plötzlich eingegriffen und den Streit für beendet erklärt. Warum?

Marco Politi: Der Papst ist nun in der zweiten Halbzeit seines Pontifikats. Er ist in einer schwierigen Situation, seine Gegner halten ihn unter Druck. Das hat man in den letzten beiden Jahren gesehen – es gab viele konservative Appelle und Briefe gegen Amoris laetitia, das Schreiben zu Ehe und Sexualität. Dem Papst wurde sogar vorgeworfen, dass einige Teile von Amoris laetitia häretisch sein könnten, also Ketzerei. Das alles ist die größere Dimension des deutschen Bischofsstreits. Deshalb macht der Papst jetzt einen Schritt vorwärts und einen zurück.

Frage: Aber es gibt eine große Mehrheit für das Dokument der Bischofskonferenz, in dem festgeschrieben werden soll, wann protestantische Ehepartner die Kommunion erhalten können.

Politi: Ja. Aber im Moment herrscht in der Kirche ein Bürgerkrieg im Untergrund zwischen den Reformfreudigen und den Konservativen. Die Deutsche Bischofskonferenz mag in ihrer Mehrheit progressiv sein, die Weltkirche ist es nicht. Es gibt in der Kurie und in der Weltkirche eine bremsende Mehrheit.

Frage: Aus welchen Bischöfen besteht diese Mehrheit?

Politi: Es gibt Erzkonservative. Es gibt Ängstliche. Es gibt an der Tradition Hängengebliebene. Es gibt die, die zu träge sind, neuen Zeiten ins Gesicht zu sehen. Der Konflikt innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz entzündet sich ja an zwei symbolträchtigen Figuren.

Frage: Kardinal Marx, der Reformfreudige, und Kardinal Woelki, der Bremser.

Politi: Franziskus hat beiden Männern zu verschiedenen Gelegenheiten sein Vertrauen gezeigt. Marx ist im Neunerrat der wichtigsten Kardinäle, im Kronrat sozusagen. Und Woelki hat der Papst persönlich für Köln gewollt als Nachfolger von Kardinal Meisner.

Frage: Welche Rolle spielt Erzbischof Ladaria, Chef der Glaubenskongregation, der den Brief geschrieben hat, mit dem der Papst die deutsche Kommuniondiskussion beendete?

Politi: Er tut, was Franziskus entscheidet. Ladaria wurde ausgewählt, weil sein Vorgänger, Kardinal Müller, immer den Controcanto zum Papst machte, den Gegengesang. Ganz anders Ladaria: Er ist treu.

Frage: Was man nicht von allen Teilen der römischen Kurie behaupten kann.

Politi: Wenn man einen Monsignore im Vatikan fragt: Wie ist die Situation? Dann bekommt man als Antwort: unübersichtlich, verworren. Auch die Kurie ist gespalten. Die Wahrheit ist, dass der Papst in der Weltkirche keine Mehrheit für seinen Reformkurs hat. Das sieht er jetzt. Deshalb ging er im deutschen Kommunionsstreit erst voran, aber als sich der Widerstand über die Grenzen Deutschlands hinaus regte, kam eben die Bremse von Ladaria hinterher.

Frage: Der Papst konnte den deutschen Bischöfen nicht folgen, weil die Welt dagegen gewesen wäre?

Politi: Ja. Der Vatikan hat Angst vor Spaltung, es ist seine größte Angst. Hätte der Papst dem deutschen Vorschlag zugestimmt, hätten andere Bischofskonferenzen gefragt: Hat sich denn jetzt das Lehramt weltweit verändert oder nicht, wir wollen Klarheit!

Frage: Hat es sich verändert?

Politi: Der Papst will das Lehramt nicht öffentlich verändern. Oder er kann es nicht. Es ist nicht so wie in der Konzilszeit in den sechziger Jahren, als die Mehrheit der Bischöfe weltweit für Veränderung war.

Frage: Zu Beginn seines Pontifikats war der Papst mutig und reformwillig. Bekommt er jetzt etwa Angst?

Politi: Er fühlt, dass er keine genügend starke Masse von Bischöfen für eine generelle Reformlinie hinter sich hat. In der Familiensynode vor einiger Zeit gab es keine Mehrheit für den sehr progressiven Vorschlag von Kardinal Kasper und der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Damals ging es um die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene.

Politi: Kardinal Kasper sagte damals ja, man muss wiederverheirateten Geschiedenen nach einer Buß- und Besinnungszeit die Kommunion geben. Im Schlussdokument der Synode steht dieser deutsche Vorstoß nicht mehr drin. Es gab keine Zweidrittelmehrheit für so viel Progressivität. Das war ganz klar parlamentarisch geregelt, wie bei einem Konzil auch: ein Kopf, eine Stimme. Und die Modernisierer haben sich eben nicht durchsetzen können.

Frage: Die Deutschen sind zu modern.

Politi: Der Papst ist einfach nicht sicher, dass er auch auf Weltebene eine Reformmehrheit hat.

Frage: In der Deutschen Bischofskonferenz hätte er sie gehabt, ist ihr aber nicht gefolgt. Was bedeutet das für Kardinal Marx, den Vorsitzenden?

Politi: Marx hat Franziskus beim Wort genommen. Am Anfang des Pontifikats sagte der Papst, man müsse mehr Kompetenzen an die Bischofskonferenzen abgeben und nicht immer alles in Rom entscheiden. Marx gehört zur reformfreudigen Gruppe, die den Papst unterstützt, und Franziskus hat Hochachtung vor Marx. Das Stoppschild ist jetzt nicht gegen Marx gerichtet. Es zeigt Franziskus’ Sorge über die weltkirchliche Situation. Aber der Papst hat sich eine Hintertür aufgelassen.

Frage: Welche wäre das?

Politi: Im Brief von Ladaria ist eine kleine Hintertür eingebaut, wie in Amoris laetitia auch: Über die "drängende schwere Notlage" soll der Ortsbischof entscheiden.

Frage: Was heißt das?

Politi: Ein protestantischer Ehepartner muss sich in einer solchen Notlage befinden, um die katholische Kommunion erhalten zu können. Wenn der Papst jetzt sagt, über das Vorhandensein dieser Notlage entscheidet immer der Ortsbischof, nicht wir in Rom, dann lässt er immerhin die Möglichkeit für die Ortsbischöfe offen, sich seelsorgerisch offen zu entscheiden – ohne dass er sie dazu anweist.

Frage: Klingt kompliziert.

Politi: Es ist ein Jonglieren. Aber da bleibt Franziskus auf seiner Linie, so hat er schon öfter argumentiert. Nicht alles in Rom festschreiben, wenn man eh keine Mehrheit dafür hat, sondern die Bischöfe beziehungsweise die jeweiligen Beichtväter einzeln entscheiden lassen. Jetzt liegt es in der Verantwortung der Bischöfe. Sie kennen die Lage der Betroffenen, sie müssen das Scheiden der Geister betreiben, wie die Jesuiten sagen.

Frage: Sie sprachen von der zweiten Halbzeit des Pontifikats. Wird das die konservativere?

Politi: Der Papst liebt Überraschungen. Ganz bestimmt steht die Halbzeit unter dem Druck der bremsenden Kräfte. Unter ihnen gibt es nicht nur Hardliner, sondern auch Ängstliche. Man darf das nicht schwarz-weiß sehen – wie einen Wildwestkampf zwischen Gut und Böse.

Frage: Wie sollte man es dann sehen?

Politi: Viele Konservative haben Gewissensängste. Es gibt eben einen Teil der Hierarchie, der sagt: Wie kann das sein, wir haben seit Jahrhunderten gesagt, es ist nicht möglich, Protestanten die Kommunion zu geben. Die teilen unseren Glauben nicht, für die ist es nur ein Abendmahl, für uns ist die Hostie der leibhaftige Körper Christi. Im guten Glauben fühlt eben ein Teil der Bischöfe, dass man diese Überzeugung nicht so einfach aufs Spiel setzen kann. Andererseits sind in der Hierarchie nicht alle immer konservativ und alle anderen immer modern. Es hängt von der jeweiligen Frage ab.

Frage: Können Sie ein Beispiel geben?

Politi: Manchmal ist ein Bischof einverstanden mit verheirateten Priestern, aber mit der Kommunion für Protestanten nicht. Kardinal Woelki zum Beispiel war bei der Familiensynode auch aufseiten der deutschen Progressiven, die die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene wollten. Und nun ist er eben gegen die progressive Mehrheit in Sachen Kommunion für Protestanten. Es ist nicht so einfach.

Frage: In Deutschland sagt man jetzt: Schon wieder ein Dissident aus Köln.

Politi: Aber vor einem halben Jahr hätte das eben noch niemand gesagt. Woelki hat den Reformkurs von Kasper bei der Familiensynode komplett unterstützt. Da hat er keinen Brief an den Papst geschrieben. Er sagt ja auch jetzt: In gewissen Ausnahmefällen kann einem Protestanten die Kommunion gegeben werden, aber generell juristisch geregelt werden darf die Sache nicht. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz: Niemand wird von der Kommunionbank weggeschickt. Aber zum richtigen Gesetz erheben will man das nicht.

Frage: Das nennen wir dann Doppelmoral.

Politi: Oder Regelung von Fall zu Fall. Ich will nur zeigen, wie nuanciert die Positionen sind. Das gilt nicht nur für Deutschland, das gilt für die ganze Weltkirche. Es gab Kardinäle, die im Konklave für Bergoglio gestimmt haben und heute würden sie ihn nicht mehr wählen. Das bringt uns zur allgemeinen Situation zurück: Der Vatikan hat Angst vor der Spaltung. Auf keinen Fall – denken viele in der Kurie – darf es den Katholiken so gehen wie den Anglikanern. Die haben vor einiger Zeit erlaubt, dass Homosexuelle Bischöfe werden können. Ein ganzer Teil der afrikanischen Anglikaner ist damit nicht einverstanden. Die haben damit Riesenprobleme, sie erleben eine Spaltung. Die allgemeine Lambeth-Konferenz der Anglikaner in London musste bis auf das Jahr 2020 verschoben werden wegen der Uneinigkeit, die herrscht. So etwas darf dem Vatikan nicht passieren. Deshalb hat der Papst das deutsche Dokument faktisch als unreif erklärt.