Mein Auto ist mir heilig

03-02-2019

Erschienen in ZEIT Christ & Welt im Juni 2018

Umweltschädlich und gefährlich, aber sooo schön. Ein Plädoyer für die Freiheit auf vier Rädern – und eine Absage an die neue Fahrrad-Euphorie

Eine Verteidigung des Autos ist nach moralischen Maßstäben nicht möglich. In ethischer Hinsicht sind Fahrräder dem Automobil uneinholbar überlegen. Fahrräder retten die Umwelt, das Kraftfahrzeug zerstört sie. Die Rollen sind klar verteilt. Es treten Heilige gegen Sünder an. Fahrradfahrer wissen das. Sie wissen es so sehr, dass sie in ihrem unerträglichen moralischen Überlegenheitsgehabe das Recht beugen, dauernd, in jeder deutschen Großstadt. Sie fahren kreuz und quer, sie rasen über rote Ampeln, sie kommen einem stoisch in Einbahnstraßen entgegen. Sie hopsen vom Bürgersteig auf die Fahrbahn und zurück. Sie zirkeln an anfahrenden Autos vorbei, sie überholen von allen Seiten. Das lebensrettende Prinzip rechts vor links, es scheint für Fahrradfahrer nicht zu gelten, sie brettern über jede Kreuzung, ganz gleich, ob von rechts ein Auto kommt, dessen Fahrer gerade eine Vollbremsung hinlegen muss. Das Radfahren mag ethisch hochwertig sein, zwangsläufig sozial ist es nicht.

Das Fahrrad ist physikalisch betrachtet schwächer als das Auto. Deshalb fordern Radfahrer Rücksicht vom Automobil, nehmen sie aber selbst nie. Für Fahrradfahrer steigt mit der Tonnage auch der Schuldgrad des Fahrers, ganz ohne zugehörige Handlung. Schuld ist angeboren, der Autofahrer also qua Fahrzeugwahl mit der Erbsünde aller Dieselstinker befleckt. Für Radfahrer gilt: Je schwerer das Fahrzeug, desto schuldiger der Fahrer. Und da sie selbst am leichtesten unterwegs sind, können sie ja gar nicht Schuld haben. Dieser Moralismus nervt mich. Liebe Radfahrer, ich kann euch sagen: Wer die Umwelt nicht verpestet, wird deshalb nicht uneingeschränkt zum besseren Menschen. Ganz im Gegenteil. Ihr nutzt eure Wehrlosigkeit oft aus.

Will man das Auto verteidigen, befindet man sich in der argumentativen Notlage, dass man ästhetisch begründen muss. Warum will ich Auto fahren wider besseres Wissen? Weil ich es schön finde. O je. So wie Stierkampf oder Altgriechisch. Autofahren ändert – und in dieser Hinsicht handelt es sich dann um eine ästhetische Problematik – die Wahrnehmung des Fahrers. Autofahren bildet und erzieht. Doch dazu später.

Zunächst einmal: Wie kommt man dazu, Autofahren überhaupt schön zu finden? Romantische Erzählungen zur eigenen Verkehrssozialisation bietet nicht nur das Rad. So ein Auto prägt Biografien, manchmal über Generationen. Möglicherweise nämlich liegt die Liebe zum Automobil in der Familie, wird weitergegeben. Tennisspieler bringen ihren Kindern Tennisspielen bei, Musiker schenken ihren Kindern Instrumente. Und passionierte Autofahrer, nun, vererben ihre Besessenheit. So war es bei mir. Ich konnte früher einen Autoreifen wechseln als einen Fahrradschlauch flicken. Zum 18. Geburtstag, auf dem Land war das üblich, bekam ich einen Kleinwagen. Es war ein Renault, ich habe ihn sehr geliebt, er brachte mich überallhin, einmal sogar bis nach Marseille. Er wurde mit mir erwachsen, begleitete mich durchs Studium. Als er von einem Lieferwagen platt gefahren wurde, weinte ich mehr über sein zusammengequetschtes Chassis als über mein Schleudertrauma. Wann immer es mir nicht gut ging, bin ich Auto gefahren, und dann ging es besser. Ich würde mir ein Auto verschreiben, wenn ich keins hätte.

Der natürliche Zustand des Menschen ist vielleicht die Bewegung, nicht der Stillstand. Sie entspricht ihm mehr. Es gibt keine Zeit ohne Raum. Sowohl Rad als auch Auto stellen diesen bewegten Zustand her. Beide ähneln einander insofern sie Mobilität möglich machen, sind aber doch durch die Art des Antriebs kategorisch voneinander unterschieden. Der Mensch ist edler als die Maschine, also muss auch die Fortbewegung, die durch Menschenkraft entsteht, edler sein als die erdölbetriebene. So argumentiert der Radfahrer. Doch das Auto hat einen entscheidenden Vorteil: Es fährt mühelos. Es ist genau diese Mühelosigkeit, die seinen Reiz und seine Faszination ausmachen.

Der Radfahrer – auch ich in meiner gelegentlichen Funktion als Rennradfahrerin – zieht seine Befriedigung aus den erlittenen Schmerzen, aus der Bezwingung von Kilometern durch Muskelkraft. Der Autofahrer bezieht seine Befriedigung aus dem gegenteiligen Phänomen. Er muss eigentlich gar nichts tun, um in den Genuss der Geschwindigkeit zu kommen. Es besteht beim Autofahren ein groteskes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Und dieses Missverhältnis, es ist schlicht schön. Das Auto verspricht die größtmögliche Mobilität und dazu, anders als der Zug oder das Flugzeug, selbstbestimmtes Handeln. Ich könnte jetzt einsteigen, durch die Nacht fahren, und in sagen wir Danzig wieder aussteigen. Das habe ich mal gemacht und gleich gelernt: Jedes Freiheitsversprechen des Autos ist auch nur so realistisch, wie die Straßen gut sind. Andererseits stand ich zirka zwei Stunden im Stau auf den Autobahnbrücken über die Oder kurz vor Stettin. Ich habe sicher niemals inspirierter über die EU-Erweiterung und die Brandtschen Ostverträge nachgedacht als an jenem heißen Julitag an diesem geschichtsträchtigen Ort. So bin ich zu einem Hobby gekommen: Autowandern!

Das Autowandern besteht daraus, dass man sich, allein oder in Gesellschaft, ins Auto setzt und irgendwohin fährt. Wohin, ist egal, der Weg ist das Ziel. Idealerweise steigt man möglichst wenig aus. Überall kann etwas gelernt und erfahren werden, historisch, architektonisch, geografisch. Geologisch auch. Burgen, Felsen, Parkplätze, Autobahnkirchen, Wälder – alles ein Erlebnis. Man kann zum Beispiel auf der A 7 Richtung Hamburg gut beobachten, wie süddeutsche Nadelwälder von norddeutschen Kiefernwäldern abgelöst werden. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Menschen an den Tankstellen bald "Moin" sagen werden.

Wegen der allgemeinen Entschleunigung rate ich beim Autowandern zur Landpartie. Eine Allee in der Dämmerung, eine Uferstraße im grellen Sonnenlicht, das sind Naturerfahrungen, die ich paradoxerweise so intensiv niemals gemacht hätte, wäre ich nicht Auto gefahren. Hier kehrt sie wieder, die Ästhetik. Schiller ist bekanntlich nicht Alfa Romeo gefahren, aber er hat eine Theorie entwickelt, die beim Autofahren zum Tragen kommt. Für Schiller gibt es zwei Sorten von Schönheit. Die statische Schönheit und die Schönheit der Bewegung.

Diese bewegliche Schönheit nennt Schiller Anmut. Aufs Auto gewendet kann man sagen: Anmut wird einer Landschaft dadurch verliehen, dass wir sie durchfahren. Sie wird lebhaft, sie wird mobil, sie gewinnt an ästhetischer Qualität ganz eindeutig hinzu, indem sie bewegt wird und vorüberzieht. Deshalb ist auch das Fahren auf der einsamen Autobahn so beliebt. Es bietet vorüberziehende, anmutige Landschaften im Übermaß.

Ich unterstelle allen Fahrradfahrern, dass sie sich heimlich nach der Autobahn sehnen. Nach breiten Straßen ohne Gegenverkehr, ohne nervende andere Verkehrsgruppen. Wie partizipativ ist nun diese Vorstellung? Der Fahrradfahrer träumt von der Herrschaft des Fahrrads, nicht von der Gleichberechtigung. Das lässt sich gut auf den beliebten Critical-Mass-Veranstaltungen beobachten, bei denen ein Fahrradmob für Stunden die Innenstädte blockiert und das friedlichen Protest nennt. Ich war mal in einer Critical Mass gefangen, wartete im Auto am Straßenrand und musste doch tatsächlich erleben, wie ich beschimpft und mein Auto bespuckt wurde. Mehrfach! Nur weil ich da am Gehweg wehrlos existierte. Ich kam mir vor wie der Klassenfeind, und ich nehme an, nach der Revolution muss erst mal eine Diktatur der Fahrradfahrer eingerichtet werden, bevor wir in einem zweiten Schritt zur friedlichen Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer kommen können.

Wann immer für Sternfahrten eine Autobahn gesperrt wird, eilen die Fahrradfahrer los, als gäbe es kein Morgen, und machen Selfies: Guck mal, wir am Dreieck Funkturm, wie wir die letzte exklusive Bastion des Autos schleifen! Ich bin sehr oft am Dreieck Funkturm, weil ich in Berlin wohne und die A 100 im Rahmen des Autowanderns schätze. Ich verstehe die Sehnsucht der Radler.

Was man da an Sehenswürdigkeiten alles geliefert bekommt! Das bombastische Kraftwerk Wilmersdorf, die mächtige Rudolf-Wissell-Brücke über der Spree, das historische Messegelände. Biegt man am Funkturm auf die A 115 ab, fährt man sogar an der alten Zuschauertribüne der Avus-Rennstrecke vorbei. Heute ist da Tempo 80. Folgt man der A 115 weiter durch den Grunewald Richtung Potsdam, passiert man nicht nur ein Berliner Bärchen auf der Mittelleitplanke, sondern auch den alliierten Checkpoint Bravo. "Deutsche Teilung 1945–1990", kommentiert eines der üblichen braun-weißen Hinweisschilder sachlich. Wie krass, dass ich hier heute durchfahren kann!, denke ich mir immer wieder. Das ist Mobilität gewordene Wiedervereinigung.

Das Autobahnfahren ist trotz starker Konkurrenz auch meine bevorzugte Art des Autoreisens. Es beruhigt und bildet gleichermaßen. Man ist aufmerksam, weil man schnell fährt. Man ist achtsam. Man denkt nicht zu intensiv über irgendetwas nach, das kann man sich nämlich nicht erlauben. Gleichzeitig wird man auch nicht durch Ampeln oder Abbiegen unterbrochen – und ist deshalb entspannt.

Die Autobahn bietet Anspannung und Entspannung gleichermaßen. Ein Flow-Zustand. Es kommt einem kein Radfahrer entgegen, der gerade telefoniert oder Einkaufstüten beidhändig transportiert. Trotzdem ist die Autobahn gefährlich: "The highway is for gamblers", schreibt Bob Dylan, die Autobahn ist etwas für Glücksspieler.

Hin und wieder, wenn jemand plötzlich und schleichend auf die linke Spur zieht und mir nur Sekundenbruchteile zum Bremsen lässt, denke ich: Oh, das könnte es jetzt gewesen sein. Und gleichzeitig: Ich könnte bis in Ewigkeit so weiterfahren.