Tristan, ich komme!

03-02-2019

Erschienen im Juli 2018 auf ZEIT ONLINE

Bayreuther Festspiele, Hyperschwulst, irre Texte, fiebrige Geigen, bebende Sänger: Kann man Richard Wagners Opern wirklich mögen? Diesen Sommer will ich es schaffen.

Sehnend undklagend und dann doch verzagend. So ging es mir immer mit Richard Wagner. Wiewird man Wagnerianerin? Ich wüsste das gern. Es klappt nicht. Ich höre seineOpernvorspiele und das reicht mir. Die Dosis macht das Gift: Sollte man sichwirklich vier Stunden am Stück überwältigen lassen? Wie hält man das aus, vorallem wenn man möglicherweise doch auf den Text achtet? Ich spüre diesenWiderwillen, mich dem Ganzen zu ergeben, doch das muss man schon können alsWagneranhängerin: sich souverän und willentlich hingeben.

Ich vermute, es ist mit Wagner wie mit Karneval. Entweder man steckt da schon immerdrin oder man kommt nicht mehr rein. Wagnerfans berichten vonErweckungserlebnissen in frühester Jugend. Sie wurden irgendwie verzaubert undverhext, verliebten sich in die Musik oder wurden verliebt. Es sind heftigeErfahrungen, die sie dann ein Leben lang nicht mehr loslassen, sie auf denHügel treiben, wo sie einen Rausch erleben, der jedes menschliche Gefühlhervorrufen, erklären und verklären kann.

Der Musiklehrer meiner Jugend liebteBach und hasste Wagner. Er ließ uns den Tristan-Akkord zu Tode analysieren,verschwieg die Erotik und behauptete, mit diesen Harmonien sei dieMusikgeschichte an ihr Ende gekommen, weshalb wir uns danach nur noch mit Jazzbeschäftigten.

Wie soll ich dagegen jetzt ankommen?Kann ich mich auf Kommando verlieben? Ich werde diesen Sommer nach Bayreuthfahren. War auch schon mal für einen Abend in drei Akten dort, aber das endeteim Delirium. Dazu muss man sagen: Delirium und Rausch sind nicht das Gleiche.Der Rausch ist wenigstens währenddessen angenehm, das Delirium nicht. Es warÜberforderung statt Überwältigung. Ich habe das auf meine mangelhafteVorbereitung zurückgeführt. Das soll mir diesmal nicht passieren.

Wenn ich demnächst Tristan und Isolde sehe, will ich zu denVerzückten gehören. Nie habe ich mich getraut, die Oper ganz durchzuhören, ausAngst, sie könnte mir nicht gefallen. Aber jetzt muss ich schleunigst insTristan-Trainingslager, Kondition aufbauen, die Nerven hervorpräparieren, diespäter gereizt werden sollen. Man darf von einer mündigen Zuschauerin erwarten,dass sie sich vorbereitet. Je mehr man weiß, desto mehr wird man hören undfolglich auch erleben. Oder nicht?

Erster Versuch: Eiskaffee mitLibretto im Schatten. Textsicherheit kann in Bayreuth nur von Vorteil sein.Wagner hatte wirklich Glück, dass sich "Holde" auf "Isolde" reimt. Mit "wähnen"und "Brangäne" ist es schon nicht mehr ganz so einfach, das ficht ihn abernicht an, er hängt Brangäne einfach so oft es geht ein N an. Die Genitive sindganz von Sinnen. Und nicht nur die Brangäne sagt: "Tristan, mein Herre, / was höhnst du mich? / Dünkt dich nicht deutlich / die tör'ge Magd, / hör meinerHerrin Wort! / So hieß sie sollt' ich sagen: - / befehlen ließ' / demEigenholde / Furcht der Herrin / sie,Isolde." Das ist Syntax auf Drogen. Die Wörter sind schon high, ich bin’s nochnicht. Wie bei einer Party, zu der man zu spät kommt: die anderen betrunken,man selbst stocknüchtern.

Mit manchen von Wagners Versen ist es, als läse man Latein oder Mittelhochdeutsch: Man weißzwar, was alle Wörter einzeln für sich genommen bedeuten, hat auch das Verberfolgreich isoliert, aber ein Sinnzusammenhang will sich nicht einstellen. DieSprache ist eine poetische, exotische und höchst artifizielle Mischung ausMittelalter und 19. Jahrhundert mit Hang zur Übertreibung. Durchaus komischmanchmal, was Wagner so bestimmt nicht gewollt hat. Manches erscheint mirschlicht ungrammatisch. Die Binnenreime sind toll, aber ich bin weder gebanntnoch entbrannt. Im Weg ist mir der Verstand.

An Wagner am meisten beeindruckt hatmich immer, wie Thomas Mann über ihn gedichtet hat. Zu einer Stelle im Tristan schrieb er in seinergleichnamigen Erzählung, es handele sich um einen "Aufstieg der Violinen, derhöher ist als alle Vernunft". Den will ich hören!

Zweiter Versuch: Ein Ausflug in die Sphäre, in der Wagner wild gewirkt hat,ins Bürgertum. Wie begeistert man Ende des 19. Jahrhunderts von seinen Werkenwar, lässt sich an den Straßenschildern in Berlin-Nikolassee ablesen:Lohengrinstraße, Nibelungenstraße, Nymphenufer. Im Villenviertel treffen sichTristan- und Isoldestraße im rechten Winkel. So haben sich auch die Liebendengetroffen: Er ist der Mörder ihres Verlobten, muss sich aber leider aufgrundkomplizierter Umstände von Isolde gesund pflegen lassen, sie macht es, obwohlsie in Tristan den Mörder erkennt.

Sie verlieben sich ineinander, laufen vorder Erkenntnis aber davon, bis sie einen Liebestrank zu sich nehmen, von demIsolde denkt, es sei ein Todestrank. Anstatt des letztenLebenshauchs also gewaltiges Entbrennen füreinander zu einem Zeitpunkt, daIsolde bereits Tristans Herrn, König Marke, versprochen ist.

Das Erstaunlichean dieser Liebestragödie aber ist, dass beide selbst den Tod wollen, dieimmerwährende Nacht, weil sie dort auf eine Vereinigung in Ewigkeit hoffen, mitder die Vereinigungen, die sich einem Liebespaar auf der Welt bieten, nichtmithalten können. In die Welt des Bürgertums brach damals diesenachtromantische Oper krachend ein, und das tut sie noch heute. Wer selbst dieEhe und die Ordnung liebt, darf durch den Tristaneinen Blick in die erotische Anarchie werfen.

Das Wagnerviertel in Nikolassee istjedenfalls maximal aufgeräumt. Die Katzen schauen so misstrauisch wie dieGärtner. Die Zäune sind hoch, die Häuser schön. Stauffenberg wohnte hier.Entgegen meines Plans, mit dem Tristanauf dem Kopfhörer durch das Wagnerviertel zu spazieren, verbringe ich die zehnMinuten des Vorspiels an der Kreuzung stehend. Ob sich in der Villa vor mirirgendwelche Dramen abspielen? Bürgerliche Trauerspiele, unglückliche Ehen,eigentümliche Exzesse hinter schweren Vorhängen.

Ich überspringe (schon wieder!) ungeduldigden ersten Akt. Am Nikolassee will ich jetzt zum ersten Mal im Leben das Duetthören, bei dem Tristan und Isolde höhepunktmäßig wegschmelzen. Es läuft "O sinkhernieder, Nacht der Liebe". Also die Böschung hinunter, ans Ufer. "Achtung,Einbruchsgefahr!" warnt ein Schild. Ertrinken-versinken im Nikolassee? Etwasstimmt nicht. Es riecht sehr übel. Der See liegt starr, sieht aus wie nacheinem Angriff mit biologischen Waffen, eine zähe Apokalypse in Giftgrün, ausder morsche Äste ragen. Es ist schwül und heiß. Hier lebt nichts mehr.

Plötzlich strömt die Musik unaufhaltsam in einen Vereinigungsausbruch derbeiden Liebenden. Ist das jetzt der Aufstieg der Violinen? Die Verse sind immernoch rätselhaft – "heil’ger Dämm’rung hehres Ahnen / löscht des Wähnens Grauswelterlösend aus" –, aber ich will sie gar nicht mehr verstehen. Meinetwegenkönnten sie jetzt auch das Alphabet singen. Das muss diese Überwältigung sein.Die ganze bizarre Szenerie scheint mir jetzt eingelungenes Tristan-Bühnenbildabzugeben. Hier herrscht die Vergiftung. Es hätte schön sein können, doch derSee hat sich an der Romantik verschluckt. Ich höre fasziniert den zweiten Akt.In einer Generalpause fällt mir ein Blatt auf die Schulter. Ich erschrecke michfurchtbar und ergreife die Flucht.

Die Böschung erklommen, dem Seeentronnen: Allein wegen dieses Duetts muss ich nach Bayreuth! An den Ort fürverirrte Bürger. Vielleicht ist der Tristanfür einen Wagnerneuling genau das Richtige. Der Stoff ist zu bewältigen, dasPersonaltableau ist klein, Götter, Schwäne und Gralsritter müssen draußenbleiben, vorausgesetzt wird wenig, es entwickelt sich bloß eine fatale Romanze.Das ist anschlussfähig. Das muss man auch gar nicht nachvollziehen können,nachempfinden reicht. Vielleicht wird man Wagnerianerin, wenn man aufhört,alles zu hinterfragen. Das, glaube ich, ist Hingabe.