"An Schönheit ist nichts Schlimmes"

03-02-2019

Erschienen in der ZEIT im August 2018

Der Berliner Historiker Paul Nolte über die Gründe für den Wiederaufbauboom in den Städten, den Streit um die Rekonstruktion der Potsdamer Garnisonkirche und über die Frage, warum die Deutschen so gern im Altbau leben

Frage: Herr Nolte, überall in Deutschland bauen wir zurzeit Paläste, Kirchen und ganze Altstädte wieder auf. Besonders beliebt ist die Rekonstruktion in Ostdeutschland. Warum machen wir das?

Paul Nolte: Wir leben mitten in einem Geschichtsboom. Wir schauen lieber zurück als nach vorn. Wir wollen wissen, wer wir sind, sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft. Das war nicht immer so. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen Futurismusboom. Man hat die Zukunft beschworen, architektonisch, literarisch und natürlich technologisch. Wie würde das Jahr 2000 sein? Dieser Boom hat bis etwa 1970 gehalten: bis zur Mondlandung, zur Ölkrise, zur Einsicht in die "Grenzen des Wachstums", die damals zum Schlagwort wurden. Plötzlich galt die Zukunft als schwierig, problembelastet oder bereits gescheitert. Mehr als das: Wir erkannten, dass hemmungslose Zukunftseuphorie gefährlich sein konnte, sogar mörderisch. Da haben wir uns in den westlichen Gesellschaften um 180 Grad gedreht.

Frage: Gibt es Anzeichen, dass dieser Boom auch mal wieder aufhört?

Nolte: Nein. Viele dachten: Wenn das Holocaust-Mahnmal eröffnet ist, sind die großen Vergangenheitsdebatten abgeschlossen. Doch es geht weiter. Die Suche nach Erinnerung wird individueller, konkreter, subjektiver – denken Sie an die "Stolpersteine". Verblüffend – aber auch der Futurismusboom hat mehr als ein halbes Jahrhundert getragen. Dazu kommt: Wir denken jetzt weniger intellektuell als früher und mehr visuell.

Frage: Was heißt das?

Nolte: Man geht lieber in eine Ausstellung, als ein wissenschaftliches Buch zu lesen. Eben weil wir so visuell denken, entsteht auch das Bedürfnis nach Rekonstruktionsarchitektur. Wir wollen uns an die Vergangenheit erinnern, aber nicht abstrakt. Sondern an authentischen Orten. Mit der getilgten Erinnerung können wir schwer leben, deshalb bauen wir wieder auf. Das gilt auch für problematische Orte. Wo heute das Berliner Museum Topographie des Terrors steht, waren früher die Gestapo-Zentrale und das Reichssicherheitshauptamt. Das ist wirklich ein belasteter Ort, keine Frage. Aber dort gelingt Erinnerung am besten.

Frage: Sie sind seit Kurzem Vorsitzender des neuen wissenschaftlichen Beirats der Garnisonkirche in Potsdam, die wieder aufgebaut wird. Gegen die Kirche gibt es großen Widerstand, weil sie eine fatale Rolle im Aufstieg der Nazis 1933 gespielt hat. Viele Potsdamer wollen das barocke Bauwerk deshalb nicht.

Nolte: Den Gegnern möchte ich sagen: Liebe Opposition, lasst uns jetzt nicht gegen Windmühlen kämpfen. Das Projekt – der Wiederaufbau des Turms, nicht des Kirchenschiffs! – ist im Gange und wird nicht von randständigen Akteuren unterstützt, schon gar nicht im rechten Lager, sondern von den maßgeblichen Institutionen dieser Demokratie: vom Parlament, von Ministern, vom Bundespräsidenten selbst. Teufelszeug kann das also nicht sein.

Frage: Viele Menschen wollen aber nicht an die Verbrüderung der preußischen Eliten mit den Faschisten erinnert werden.

Nolte: Sie sprechen den sogenannten Tag von Potsdam an, den 21. März 1933, als Hitler Hindenburg in einer halben Verbeugung vor der Kirche die Hand gereicht hat. Wo eigentlich ist der Ort, daran kritisch und nachdenklich zu erinnern? Wir könnten statt des Garnisonkirchturms ein Denkmal errichten. Ob das besser wäre oder einfacher? Wie sähe es aus? Ein heftiger Streit wäre auch dann sicher! Wenn wir jetzt den Garnisonkirchturm errichten, tun wir außerdem Potsdam städtebaulich einen Gefallen. Die Innenstadt ist immer noch – trotz allem, was dort in den letzten Jahren getan wurde – eine zerklüftete Landschaft, eine Wunde.

Frage: Man könnte auch, statt Barockes wieder aufzubauen, etwas Neues machen, oder?

Nolte: Ist es sinnvoll, einen Investor zu bestellen, in Potsdam oder an anderen Orten Ostdeutschlands, und der baut dann etwas, was so aussieht wie jeder Neubau in Berlin oder anderswo? Traufhöhe, flaches Dach, glatte Fassade, Fenstersymmetrie? Egal ob Wohnhaus oder Bürobau, das sieht doch überall gleich aus. Moderne kann man das nicht nennen; da würden sich die Avantgardisten im Grabe rumdrehen. Das ist Trivialarchitektur.

Frage: In der Denkmalpflege galt mal der Satz: Was weg ist, ist weg. Davon haben wir uns komplett verabschiedet, indem wir alles wieder aufbauen.

Nolte: Manches! Und das ist kein Sündenfall. Was fort ist, ist nicht mehr unbedingt verloren, sondern lässt sich rekonstruieren. Die Denkmalpfleger sind schon sehr puristisch.

Frage: Möglicherweise wollen sie verhindern, dass wir nur noch in Kulissen einer verlorenen Zeit leben anstatt in der Gegenwart?

Nolte: Wo immer etwas wieder aufgebaut wird, ob in der Dresdner Altstadt oder anderswo, handelt es sich doch um eine gebrochene Illusion. Das wissen alle, das lesen wir mit. Anderswo war der Wiederaufbau sehr erfolgreich. In Polen zum Beispiel: Die haben sich ihre von den Deutschen zerstörten Altstädte nicht nehmen lassen, sondern sie wieder aufgebaut, in Warschau oder in Danzig. Der Nationalsozialismus hat nicht gesiegt!

Frage: In Deutschland sind große Wiederaufbauprojekte, gerade geht es um die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt, immer von viel Ärger begleitet. Bei der Frauenkirche war es genauso. Jetzt, da sie steht, liebt man sie aber.

Nolte: Es klingt billig, aber das ist die normative Kraft des Faktischen. Bereut haben wir den markanten historischen Wiederaufbau nirgends. Weder die Rekonstruktion des Reichstags noch die Wiedererrichtung der Frauenkirche möchte ich missen. Rekonstruktion passiert aber auch modernen Bauwerken. Nehmen wir die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe in Berlin. Sie hat längst nicht so lange gehalten wie Bauwerke aus früherer Zeit. Übrigens eher ein Kunstwerk, eine Skulptur, aber als Museumsbau völlig dysfunktional. Die Bauqualität war miserabel. Im Grunde findet jetzt eine komplette Neuerrichtung statt. Mit der Moderne haben wir also auch unsere Schwierigkeiten.

Frage: Gibt man nicht in vielen ostdeutschen Städten einem Revanchismus nach? Was die DDR in Dresden, Berlin, Potsdam gebaut hat, ob Palast der Republik oder Plattenbau, das rasiert man ab und ersetzt es durch ältere Architektur aus einer anderen historischen Epoche?

Nolte: Man kann das als Revanchismus bezeichnen. Es handelt sich um eine Gegenbewegung, die ist aber begründet – und nur zum Teil eine Bewegung gegen die DDR, sondern gegen die städtebauliche Moderne überhaupt. Der Städtebau der Nachkriegszeit, zu der auch die Ostmoderne gehört, hat sich längst als historische Sackgasse erwiesen.

Frage: Inwiefern?

Nolte: In Ost und West ging man ab vom uralten Prinzip, dass Häuser Wand an Wand stehen müssen, damit sich ein urbanes Lebensgefühl entwickelt, dass es Straßen, Bürgersteige und Radwege davor gibt, dass hin und wieder ein Café mit Stühlen auf dem Trottoir erscheint. In solchen Stadtlandschaften wollen die Menschen leben, nicht in den zerklüfteten Un-Räumen der Sechzigerjahre.

Frage: Woher wissen Sie, dass die das wollen?

Nolte: Die Abstimmung mit den Füßen hat längst stattgefunden. Es möchten doch alle in Charlottenburg oder im Prenzlauer Berg leben. Oder in München-Haidhausen und Köln-Nippes. Deshalb sollten wir mutiger überlegen: Wo können wir zu den alten Fluchtlinien und Grundrissen zurückkehren? Die "autogerechte Stadt" hat sowieso ausgedient. Nach dem Krieg sind Behelfsblöcke gebaut worden, im Osten wie im Westen. Nun stehen diese hässlichen Riegel rum, in die keiner mehr will.

Frage: Der Nachkriegsbau wollte sich besonders in der DDR von Historismus und Protz früherer Tage abwenden. Sollte man das nicht akzeptieren, anstatt abzureißen?

Nolte: Die Nachkriegsmoderne hat den Städtebau beschädigt und vereinseitigt. Ich bin ein großer Fan des Bauhauses, und die Schmucklosigkeit war zu ihrer Zeit ein wichtiger Gegenakzent, auch politisch. Aber heute können wir das entspannter sehen und eine Vielfalt von Formen akzeptieren. Eine gegliederte Fassade ist schön; ein Erker sorgt außerdem für eine wunderbare Leseecke im Wohnzimmer. Deshalb wollen die Menschen ja in die Altbauten. Wir Deutschen waren schon sehr puristisch. Wir haben den Stuck abgeschlagen und gesprengt, was nicht durch den Krieg ohnehin zerstört war – noch einmal: in Ost und West. In anderen Ländern wird historistisch gebaut, ohne dass es gleich einen Aufschrei gibt. Wenn in den USA ein Uni-Campus erweitert wird, dann kommen da auch neugotische Gebäude hin. An Schönheit ist nichts Schlimmes.

Frage: Warum stellen wir an repräsentativen Orten lieber das Alte wieder auf, statt uns etwas ganz Neues auszudenken?

Nolte: Auf die Mischung kommt es an. Aber das moderne Bauen ist selber in einer Krise, ist nicht mehr kreativ. Klar, es gibt Daniel Libeskind mit seinen Zacken. Wir tun uns nicht nur mit dem Historischen schwer, sondern auch mit dem Modernen – auch das in Deutschland mehr als anderswo, wie der Widerstand gegen avantgardistische Hochhäuser zeigt.

Frage: Im Potsdamer Stadtschloss sitzt jetzt der Landtag. Das Berliner Schloss wird zu einer Seite hin eine moderne Fassade bekommen statt der barocken. Sind das gelungene Kompromisse?

Nolte: Für das Stadtschloss hätte ich mir mehr Mut gewünscht, eine radikale Konfrontation der Moderne mit dem Barock. Immerhin hat man durch den Abriss des Palasts der Republik etwas von der menschenverachtenden Aufmarschqualität der Achsen weggenommen, die da herrschte. Ich bin kein Nostalgiker – von mir aus hätte die Schlüter-Fassade an diesem repräsentativsten aller Orte mit dem Pariser Centre Pompidou kombiniert werden sollen. Da haben sich die Historisten zu sehr durchgesetzt. Aber deshalb geht die Welt nicht unter, und die Monarchie ersteht nicht mehr.

Frage: Die korrekte Rekonstruktion des Berliner Schlosses macht gerade Probleme. So gab es riesigen Krach über die Frage: Soll auf die Schlosskapelle ein Kreuz – oder ist das schon ein unmögliches Herrschaftszeichen?

Nolte: Da bin ich echt leidenschaftslos. Ich vertraue auf den Streit der Zivilgesellschaft über solche Fragen. Aber beide Seiten müssen runterkommen von ihren Dogmen. Es gibt den Purismus der Rekonstruierer und den Purismus der Bilderstürmer. Beides kann fanatisch werden und ideologisch. Debatten werden geführt und irgendwann entschieden. Der Turm der Garnisonkirche wird wieder aufgebaut, so ist das ausgegangen.

Frage: So einfach ist das?

Nolte: Das ist doch überhaupt nicht einfach. Beim Holocaust-Mahnmal war die Debatte so lang, wir kamen gar nicht mehr raus! "Die Debatte ist selber das Denkmal", hieß es dann. So ein Quatsch. Feuilletonartikel sind keine Denkmäler, deshalb brauchen wir ja Steine, alte und neue. Aber die Debatten sind in die Steine eingeschrieben. Jeder Guide wird bei seiner Führung erklären, welchen Streit es um Stadtschloss oder Garnisonkirche gab.

Frage: Der Wiederaufbau führt zu Kollateralschäden. In Ostdeutschland hört man oft: Ihr reißt uns die DDR-Architektur weg, die Teil unserer Identität und Biografie ist. Muss man da nicht einen gewissen Prozentsatz auch an repräsentativen Gebäuden stehen lassen?

Nolte: Es stimmt: Wir dürfen nicht mit zweierlei Maß messen in Ost und West. Aber richtig ist auch: Die materiellen und ästhetischen Möglichkeiten der DDR waren oft begrenzter. Es sind oft Behelfsbauten ohne Qualität. Das DDR-Rechenzentrum, um das es bei der Potsdamer Garnisonkirche geht, das ist ein unansehnlicher Zweckbau. Wichtiger ist da schon, dass er jetzt ein lebendiges Zentrum für Künstler und Kreative ist.

Frage: Darf man den Leuten denn ihre Emotionen absprechen?

Nolte: Nein, aber man darf die Emotionen durchaus kritisch befragen. Manches daran ist DDR-Nostalgie, anderes eine Feindprojektion: Wir sind vom Westen übernommen worden, und jetzt besiegt ihr uns ein zweites Mal! Da darf man ruhig mal widersprechen. Die DDR ist als politisches und gesellschaftliches System gescheitert. Nostalgie ist, wie in den amerikanischen Südstaaten nach dem Bürgerkrieg, verständlich, aber führt nicht in die Zukunft.

Frage: Man könnte den Nostalgikern ja entgegenkommen, vielleicht radikalisieren sie sich dann nicht.

Nolte: Gewiss, und wir streiten ja, nichts wird einfach so "verordnet"! Beim Palast der Republik hätte der Streit durchaus anders ausgehen können. Man hätte ihn teilweise erhalten können oder in sichtbarer Form einbeziehen in den Neubau des Humboldt-Forums, als Demonstration der vielfältigen Schichten und komplizierten Verwerfungen deutscher Geschichte.

Frage: Das Land hat nun die Chance, es besser zu machen, indem es sich ein Einheitsdenkmal baut, das beiden Seiten gerecht wird. Eine Wippe soll es werden und stehen darf sie vor dem Berliner Schloss. Dagegen gibt es wieder heftigen Widerstand, täglich sollen jetzt Demonstrationen stattfinden. Wie stehen Sie zur Wippe?

Nolte: Ich bin kein Freund der Wippe, egal wo sie steht. Ich kann an jeder Stelle auf sie verzichten. Sie ist völlig überdimensioniert. Da sehen wir wieder, wie schwer wir uns mit Denkmälern tun.

Frage: Ist das Brandenburger Tor das Einheitsdenkmal?

Nolte: Die Einheitssymbolik ist am Brandenburger Tor, stärker noch am Reichstag vorhanden. Der Reichstag ist ein Symbol des republikanischen Stolzes: Wir sind das Volk, wir sind ein Volk. Aber es gibt Protestler, denen die Wörter "Volk" und "Einheit" schon nicht behagen.

Frage: Vielen behagt gesamtdeutscher Patriotismus nicht.

Nolte: Manche Linke müssen sich mal beruhigen. Nur weil da "Einheit" vor dem Denkmal steht, müssen sie nicht gleich nachts schweißgebadet aufwachen, weil Helmut Kohl immer schon ihr Feindbild war. Das schwingt beim Protest gegen ein Freiheits- und Einheitsdenkmal nämlich mit.

Frage: Wenn wir in einem Zeitalter der Rekonstruktion und des Geschichtsbooms leben, was heißt das für die schwierige deutsche Beziehung zur eigenen Vergangenheit?

Nolte: Wir gehen unbefangener mit ihr um, aber nicht nostalgisch. Es gibt einen Konsens über die Verbrechen des Nationalsozialismus, über Verantwortung und Scham, hinter den kein Weg zurückführt. Gerade weil das so ist, können wir Historismus und Rekonstruktion in Architektur und Städtebau auch mal Raum geben. Wir wissen klug: Das ist nicht mehr unsere Zeit! Als die architektonische Moderne begann, wollte man sich abgrenzen von der Vergangenheit. Gesinnung und Materialität, Politik und Steine waren unauflöslich verbunden, auf beiden Seiten. Das ist längst nicht mehr so.

Frage: Wir können also Schlösser wieder aufbauen, ohne uns in den Absolutismus der Preußenkönige zurückzuwünschen?

Nolte: Genau. Wenn wir durch den Garten von Sanssouci gehen oder ein Konzert in der Frauenkirche genießen, dann will niemand in diese Zeit zurück. Die Antimodernen, mit denen wir es in der Politik zu tun haben, die sind ja auch keine puren Nostalgiker. Der heutige Kulturkampf findet nicht mehr in Architektur und Symbolik statt, sondern auf dem Feld der Gesellschaftspolitik. Die AfD kann weder mit dem Humboldt-Forum noch mit der Garnisonkirche etwas anfangen. Die Last der kolonialen Vergangenheit? Schuld und Verantwortung? Da laufen die Neurechten doch ganz schnell weg!

Frage: Unsere Vergangenheitssehnsucht ist ganz unpolitisch ...

Nolte: Wir fühlen uns in den Altbauten der Gründerzeit zwar wohl, füllen sie aber doch mit den Lebensformen von heute: Neben mir wohnt vielleicht ein schwules Ehepaar oder eine Flüchtlingsfamilie. Wir kombinieren die Architektur der Vergangenheit mit der Lebenswelt von heute. Überraschenderweise hat sich die Architektur einer Zeit, die radikal vergangen ist, als Gehäuse auch für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts erwiesen. Sie ist einfach schön. Und oft überraschend funktional. Deshalb bauen wir sie auch wieder auf.