Wieviel Heimat ist zu viel?

03-02-2019

Erschienen in der ZEIT im September 2018

Deutschlands umstrittenstes Bundesland feiert den Tag der Sachsen. Eine Volksfest-Besichtigung aus westdeutscher Perspektive

Kaum hat man die grüne Grenze nach Sachsen passiert, werden die Wörter verdächtig. Noch zehn Kilometer bis zum "Volksfest" nach Torgau. Wir sind das Volksfest! Volksfeste bestehen eigentlich aus Riesenrädern und Schweinenackensteaks. Nur in Sachsen beginnt man sich zu fragen, ob das Wort "Volksfest" auf eine gefährliche, reaktionäre Geisteshaltung seiner Besucher schließen lassen könnte. Das Wort klingt wie eine aktuelle AfD-Vokabel. Darf man noch "Volksfest" sagen?

Die Anreise nach Torgau geschah auf einer schnurgeraden, baumbestandenen Landstraße, einer echten Schönheit, die so prächtig war, dass man sie ohne Weiteres ins alleengesäumte Polen hätte stellen können. Nicht nur die Städte, auch die Provinz ist in Sachsen schöner als anderswo. Es gab sehr wenige Blitzer auf dieser herrlichen Strecke, aber doch zwei zu viel. Law and Order im Osten, fängt es schon an? Ich bin als Gesetzesbrecher nach Sachsen eingereist.

Das letzte Mal, dass ich auf dem Festtag eines Bundeslandes unterwegs war, lautete das Jahr 1994 und die Hauptattraktion des Rheinland-Pfalz-Tags waren die Fantastischen Vier. In Torgau heißt die Veranstaltung aber nicht Sachsen-Tag, wie das Land, sondern Tag der Sachsen, wie seine Bewohner – ein gewichtiger Unterschied, denn Sachsen gibt es wenigstens. Rheinland-Pfälzer gibt es nicht, es gibt seit 1946 keine, das Bundesland ist eine reine, recht unhistorische Verwaltungseinheit. Im Gegensatz zu den Rheinland-Pfälzern haben die Sachsen eine Identität. Doch wer sind sie? Und wie können sie sich selbst feiern, so kurz nach den Gewaltexzessen in ihrem Land?

In Torgau hat man sich vorbereitet, als fände die WM statt. Die Parkplätze sind gestütgroß. Die Torgauer müssen sich mit Bussen in die eigene Altstadt fahren lassen. Dass ich hier nicht dazugehöre, ist jedem klar, mir auch, ich versuche, mich im Bus unauffällig zu verhalten, aber es klappt nicht. Die Sprache verrät einen ja. Die Sachsen starren. Andererseits komme ich auch aus der abgehängten Provinz, wo einem abends nur das Rumlungern an der Tankstelle bleibt und man gezwungen ist, betrunken Auto zu fahren, nur wissen das die Torgauer halt nicht. Meine Provinz, die Eifel, wählt aber seit Jahrzehnten CDU, und wer so richtig dagegen ist in diesem Land voller Bauern und Winzer, der geht halt zur SPD.

Der Sachse, so viel lässt sich schon im Bus sagen, trägt eine etwas altmodische, verspiegelte Sonnenbrille. Man sieht ihm nicht an, was er denkt. Als wir am Renaissance-Marktplatz mit seinem weißen Rathaus ankommen, wird dieser von den Backstreet Boys aus der Dose beschallt. Im Hotel Goldener Anker wird man heute Abend schlecht schlafen können. Die Ostdeutschen hegen eine seltsame Liebe für die Musik der Neunzigerjahre, das ist mir schon beim Hören von Antenne Brandenburg häufiger aufgefallen.

Es gibt Wurst, es gibt Bier und eine klassische deutsche Mohrenapotheke – das hier könnte auch der Weihnachtsmarkt in Dortmund sein. Mit einem Unterschied: Was es nicht gibt, das sind Ausländer. Alle Besucher sprechen Sächsisch. Und fast alle Besucher, darunter viele Hunde, ziehen einen Luftballon hinter sich her. "So geht Sächsisch" steht darauf. Das wüsste ich gern, wie geht denn Sächsisch? Der Ballon verweist direkt auf seinen Träger. Viele sind breite Männer in kurzen Hosen und Sandalen. Demnach ist der Sachse der Deutsche. Oder: Wir alle sind Sachsen.

Das SPD-Büro am Marktplatz liegt verlassen und sieht so einladend aus wie eine Fahrschule. Das Plakat "Deutschland heißt willkommen" sieht man nur, wenn man sich die Nase am Fenster platt drückt. Der Antiquitätenladen daneben wird allerdings von Interessenten belagert. Er verkauft kleine Napoleonfiguren aus Porzellan und Jugendstil-Likörsets im Fliegenpilzdesign. Zwei Bücher werden im Fenster angepriesen: "Die Strafen des Reichsstrafgesetzbuches" und "Das Brackwasseraquarium". Bilder eines frustrierten Sachsen in kurzen Hosen mit Kaiserzeitfimmel, der Backstreet Boys hört und schlecht gelaunt Fische füttert, ziehen vor meinem geistigen Auge auf. Man sagt den Ostdeutschen einen Minderwertigkeitskomplex nach, den hätten sie ja aber gar nicht nötig. Welche Länder haben in der deutschen Geistesgeschichte schon eine so große Rolle gespielt wie Sachsen, Thüringen oder Preußen? Was hier nicht alles gedacht und erfunden, erobert und besiegt, gedichtet und komponiert wurde! Was ist denn Rheinland-Pfalz dagegen? Römer und Wein, aber wie lange ist das her!

Die Massen drängt es zum Schloss. Vor der Schlossbrücke spielt eine sogenannte Mittelalterband mit Dudelsack und Schellenkranz. Am lautesten klatscht ein Mann mit verspiegelter Sonnenbrille und einem gelben T-Shirt. Er ist braun gebrannt, seine Schultern sind trainiert. "Yakuza, the best criminal organisation in the world" steht auf seinem Oberteil. Was bringt einen jetzt dazu, sich am Tag der Sachsen offen zur japanischen Mafia zu bekennen? Ich hoffe, dass es Unwissenheit ist. Weil in allen Städten alle immer zum Schloss wollen, entsteht auf der Schlossbrücke ein Stau. Die Drängler fordern laut "Rechtsverkehr". Es geht ihnen zu kreuz und zu quer. Ein Schild verbietet, die Bären im Schlossgraben zu füttern. Es sind aber keine da. "Annerose, geh rechts!"

Der Ordnungswille der Sachsen scheint sehr stark zu sein. Er erinnert mich an einen Zwischenfall im Dresdner Zwinger, als mir in der Galerie Alte Meister ein Wachmann auf Schritt und Tritt folgte, immer in Sorge, ich könnte die Sixtinische Madonna abschrauben und wegtragen, er kam, kein Scherz, sogar mit aufs Damenklo, wo ich ihn dann rausgeworfen habe. Seither frage ich mich, ob die Sachsen eine gesteigerte Verlustangst und eine große Sehnsucht nach Regeln haben. In Torgau auf der Schlossbrücke sehe ich mich bestätigt.

Im Schlosshof hat jemand einen epileptischen Anfall und zuckt unter einer Golddecke. Das Hauptportal ist von der ostdeutschen Sparkassenstiftung restauriert worden, und auf der Bühne dieses großartigen Renaissanceschlosses steht eine weitere Mittelalterband: "Kauft unsere CDs, damit unsere Kinder nicht im Bergwerk schuften müssen, Blockschokolade brechen, das geht auf die Zähne!" Im Rheinland würde man bei Pointen und Musik lachen, klatschen oder mitsingen, aber hier herrscht so eine Art skeptische Reserviertheit.

Die reißt nicht ab, als Herzog Johann die Bühne betritt und den Torgauern ein historisches Schauspiel geboten wird, in dem Köche stiften gehen und Fasane verschwinden. Den einzigen Szenenapplaus gibt es, als der Stadtschreiber angehalten wird, stets die Wahrheit zu berichten und nichts zu verdrehen. Was wäre das Lustigste, das man in dieses Schauspiel reinrufen könnte? Ich entscheide mich für "Ich hätte gern einen Döner", aber gehe ihn lieber suchen. Gibt es in Torgau Spuren von Migration?

Statt Döner kann man den "Jägertopf August der Starke" haben. Das ist dann alles, was von der Monarchie übrigbleibt. Welche Beziehung die Sachsen zur Obrigkeit haben, lässt sich hoffentlich auf der "Blauen Meile" herausfinden, wo die Leistungsschau des Staates stattfindet, mit Bundeswehrständen und dem THW. In der Straße der Jugend steht eine alte Villa, ein paar Jugendliche grölen vom Balkon besoffen "Völlig losgelöst von der Eeeeeerde" in Richtung Soldaten. Einige Feldjäger werden unruhig, sie hören das schon seit 10 Uhr am Morgen, beschließen aber, sich zusammenzureißen und die Jugend Jugend sein zu lassen. Auf der Blauen Meile geht es ums Dienen. Man kann Blut spenden und sich für die Arbeit auf der Fregatte "Sachsen" interessieren. Das macht aber keiner. Am Stand der Reservisten bewacht ein einsamer Major der Reserve eine Popcornmaschine. Es ist immer sehr seltsam, wie die Bundeswehr wirbt, mit Dienen und mit Ballern. Bei den jugendlichen Sachsen zieht das wohl nicht. Ich hätte gern noch den "Polizeidinosaurier Poldi" gesehen, fand ihn aber nicht.

Wo ist sie denn, die Mitte der Gesellschaft? Nicht bei Feuerwehr und Polizei und THW. Zwangsläufig zieht es einen zu den Ständen der politischen Parteien. Auf dem Weg zu ihnen erreicht man zuerst die Bühne des Sächsischen Landtags. Sächsische Mädchen tanzen zu indischem Techno Bauchtanz. Ist das schon Toleranz? Vor dem Landtagszelt – das leer ist – hängen Luftballons aller politischen Parteien. Es nutzt nichts, sich einzureden, die AfD wäre ein Randgruppenphänomen unter Schlechtgelaunten. Denn einen Stand weiter verschenkt die AfD ihre blauen Luftballons. Junge Mütter binden sie ihren Säuglingen an den Kinderwagen, kleine Jungs tragen sie am Handgelenk. Auch ein niedlicher Mops wurde dergestalt dekoriert. Eigentlich hat sie jeder. An diesen Menschen ist wirklich nichts, das sie als Rechte kennzeichnen würde. Die Mitte der Gesellschaft ist hier. Fröhlich und sonnenbeschienen an einem Herbsttag im September.

"Seit gestern funktioniert alles reibungslos beim Tag der Sachsen, keine Zwischenfälle – danke, Torgau!" So tönt es aus den Lautsprechern. Darum geht es schon: Danke, dass keine Straßenschlachten geschlagen wurden! Der Tag der Sachsen spielt eine Normalität vor, die es in Sachsen gar nicht mehr gibt. Es ist bizarr, die Menschentraube um den AfD-Stand mitansehen zu müssen, während SPD und Grüne sich hilflos nebenan die Beine in den Bauch stehen. Die Wahrnehmung verschiebt sich: Auf einmal sehe ich die Gruppen junger Männer in Bomberjacken und Springerstiefeln, die gegenüber von Intersport Höcke auf der Goethestraße im Parkverbot sitzen, Mixery trinken und – interessanterweise – über den Technopapst der Neunziger, Mark Oh, sprechen. Und das alles nur, weil die DDR 1990 nicht nach Artikel 146 Grundgesetz beigetreten ist, sondern nach Artikel 23?

Ich esse kraftlos AfD-Gummibärchen, während alles im AfD-Blau wogt, wo man auch hinsieht. Es scheint eine Koexistenz zu sein und kein Kampf. Das gibt es in Rheinland-Pfalz nicht. Hoffe ich. Was würde ich machen, wenn sich meine Heimat so verändern würde? Die Broschüren der AfD treffen ins Schwarze: Wölfe, Rundfunkgebühren, Diesel, sehr volksfestartig. Die Sprache stammt aus dem linguistischen Lehrbuch für Manipulation. Ich nehme die Broschüren mit nach Berlin, wo ich erleichtert bin, ihr Logo im Restaurant verstecken zu müssen. Weil ich sonst auffalle. In Sachsen ist das anders.