Hüter des Klangs

03-02-2019

Erschienen in der ZEIT im Oktober 2018

Andris Nelsons ist der neue Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und ein Dauer-Arbeiter. Für seinen Job brauche man dreierlei: Autorität, Kondition und Mut. Wie schafft er, der zugleich in Boston dirigiert, die Arbeit mit zwei Orchestern von Weltrang?

Andris Nelsons verbeugt sich nicht gern. Das ganze Jubelprozedere am Ende eines Konzerts scheint ihm unangenehm zu sein. Bevor er sich zum Publikum umdreht, applaudiert er lange seinem Orchester. Dann verschwindet er schnell von der Bühne. Der Dirigent ist kein Herrscher, der Dirigent ist ein Diener, sagt Nelsons. Er dient dem Komponisten – und der Komponist ist ein Diktator. Er will hundert Prozent von dir, bei jeder Note.

Das Dirigieren ist eine sonderbare und geheimnisvolle Profession. Nicht mal Andris Nelsons, der neue Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, kann genau sagen, woraus sie eigentlich besteht: "Als Polizist muss man Autorität haben, Kondition und Mut. Für einen Dirigenten könnte man solche Eigenschaften auch aufschreiben – aber sie garantieren gar nichts. Musik ist, wie Wagner gesagt hat, die höchste Kunstform. Sie lässt den Verstand weit hinter sich und führt auf ein Gebiet, das man nicht beschreiben oder erklären kann." Nelsons sagt diese Dinge aus einer Parfümwolke heraus, für die er gewandhausbekannt ist. Auf dem Glastisch in seinem Dirigentenzimmer stehen eine Flasche Wasser, eine Flasche "Hugo Boss" und zwei Trompeten. Oftmals hört oder riecht man ihn im Gewandhaus also, bevor man ihn sieht. Worte formt Nelsons mit den Händen wie eine Melodie. Seine Statements unterliegen auch einer gewissen Pausendramaturgie. An wichtigen Stellen wird es still, die Hände bleiben in der Luft stehen, die Spannung steigt, dann geht es mit einer Schlussfolgerung weiter. Idealerweise. Doch selbst einen totalen Gedankenabriss kann er so gut überspielen. An den Wänden hängen die Vorgänger des Letten im Amt des Gewandhauskapellmeisters: Kurt Masur, Bruno Walter, Arthur Nikisch, Riccardo Chailly, Wilhelm Furtwängler. Was haben sie gemeinsam, warum waren sie so erfolgreich? "Sie waren gute Psychologen", sagt Nelsons.

Es ist seine erste vollständige Saison an der offiziellen Spitze des Leipziger Orchesters. Die Stelle des Gewandhauskapellmeisters ist eine der wichtigsten in der Musikwelt. In Leipzig wirkten Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn und Gustav Mahler. Richard Wagner ist hier geboren. Das Leipziger Gewandhaus ist der einzige Konzerthaus-Neubau der DDR. In seinem Bürotrakt sieht das Haus aus wie eine sozialistische Behörde, aber nicht wie eine höhere. Die spätsommerliche Hitze hängt in den Gängen, nicht aber in Nelsons Amtszimmer, das ist klimatisiert. Aus verschiedenen Ecken des Verwaltungstrakts dringt Musik. Hier übt ein Bassist, dort düdelt leise eine Sinfonie aus dem Chefsekretariat. Hier residiert Andris Nelsons seit Februar dieses Jahres als 21. Gewandhauskapellmeister, wenn er nicht gerade in Boston bei seinem anderen hoch berühmten Orchester ist oder in Wien, bei den Philharmonikern, oder in Salzburg oder in London oder in Berlin. Nelsons ist 39 Jahre alt, hat eine Tochter, ist geschieden von der lettischen Sopranistin Kristine Opolais, und lebt, gezwungenermaßen, in mehreren Städten. Er gilt als einer der begabtesten Dirigenten seiner Generation. Sein Talent jagt ihn über die Kontinente, in Sachsen kommt er hin und wieder zur Ruhe – oder zu dem, was er für Ruhe hält.

Früher betrieb Andris Nelsons harten Kampfsport als Ablenkung, heute spielt er zur Entspannung Trompete, gibt sogar Konzerte. Er findet, Trompete ist wie Joga. Bevor er Dirigent wurde, hatte Nelsons eine Stelle als Trompeter im Opernorchester seiner Heimatstadt Riga. Man erzählt sich, dass er bei Aufführungen der Matthäuspassion manchmal an einem einzigen Abend Bariton sang und Trompete spielte. Damals pendelte er einmal die Woche zum Dirigierunterricht ans Sankt Petersburger Konservatorium, die Zugfahrt dauerte 16 Stunden. Vielleicht hat Andris Nelsons ein schwächeres Stressempfinden als die meisten Menschen. Vielleicht kann er auch nicht anders. Er nennt Stress nicht Stress, sondern "Training": Von einem Piloten verlange man doch auch, dass er häufig fliege, und so dürfe man von einem Dirigenten erwarten, dass er oft dirigiere, um in Form zu bleiben. Vom Nichtspielen werde man schließlich nicht besser. Sein Antrittskonzert in Leipzig musste Nelsons um ein halbes Jahr verschieben: zu viele Termine.

Bedeutende Werke der Musikgeschichte wurden vom Leipziger Gewandhausorchester uraufgeführt: So zum Beispiel Schumanns erste, Mendelssohns dritte Sinfonie, Brahms’ Violinkonzert und Wagners Vorspiel zu den "Meistersingern". Andris Nelsons liebt Uraufführungen, und er will die Leipziger bei ihrer Uraufführungsehre packen, auch wenn er weiß, dass das schnell in Missvergnügen enden kann, wenn man es übertreibt. Er möchte nicht, dass die Sachsen von ihm denken, er sei ein junger Irrer, der nur Zeitgenössisches aufführt. Er will, dass die konservativen Hörer ihm vertrauen, wenn er sie mal von der geliebten Spätromantik mit in die Postmoderne nimmt, schleift, drückt und zerrt, bis ihnen die trainierten Ohren klingeln.

Für das Eröffnungskonzert der Saison 2018/19 probt Nelsons folgerichtig mit seinen Musikern an einem Mittwochmorgen Ende August das brandneue Stück Express Abstractionism des Amerikaners Sean Shepherd. Der Komponist ist anwesend. Nelsons überlässt ihm vor jedem Satz das Podium, Shepherd sagt dann, dass das Orchester so klingen soll, wie die frühen Gemälde Gerhard Richters aussehen. Nelsons muss diesen Worten nun Gestalt verleihen. Er rauft sich bei dissonanten Stellen die Haare, singt Flötenlinien im Falsett, vor Paukenschlägen springt er auf, sein rotes Polohemd wird zusehends nasser. Der Lette ist kein Freund des minimalinvasiven Dirigierens. Die Halskette mit dem Kruzifix schlackert heftig hin und her. Es ist wieder Zeit für das Parfüm.

Am ersten Pult der ersten Geigen sitzt ein zarter Mann, der selbst für einen Konzertmeister heftig Anteil nimmt. Er trägt ein dunkles Hemd mit grünen Mickymausköpfen, sein schulterlanges braunes Haar wallt ungestüm. Es ist Sebastian Breuninger, Schwarzwälder, seit 17 Jahren Konzertmeister der Leipziger und so etwas wie der Vermittler des Dirigentenwillens ans Orchester. Er ist womöglich Nelsons’ größter Fan und vermitteln muss er nicht viel. Denn: "Es stimmt einfach zwischen uns! Ich wusste von der ersten Sekunde an, er ist es!" So ähnlich äußern sich auch Liebespaare. Die erste gemeinsam verbrachte Nacht liegt nun sieben Jahre zurück, und auf das Gesicht des Konzertmeisters zieht ein seliges Lächeln, wenn er an den ersten Auftritt von "Andris" als Gastdirigent zurückdenkt: "Es war Sibelius’ zweite Sinfonie, der Don Juan von Strauss und Beethovens fünftes Klavierkonzert. Er hat alles zugelassen. Bei uns gab es keinen Widerstand. Er spürte das." Das Orchester habe, sagt Breuninger, den Wunsch nach "totaler Verschmelzung".

Was aber bedeutet das – und ist es gefährlich? Wer verschmelzen will, der darf nicht gegeneinander spielen, der darf sich nicht auf Kosten seiner Kollegen profilieren wollen. In einigen Spitzenorchestern ist genau das üblich. In Leipzig nicht, die Leipziger lieben ihre Harmonie. Das sagen sie zumindest. Breuninger führt das auf die Instrumentenerziehung zurück, wie sie in der DDR gepflegt wurde: hohes Niveau, aber einheitlich. Kollektiv statt Individuum. Und zu diesem Kollektiv tritt nun ein Chefdirigent, der moderiert, anstatt zu befehlen. "Ich habe bei Nelsons nicht mal das Gefühl, dass ich dirigiert werde", sagt Breuninger. Es ist ein Zulassen. "Bei jeder Probe öffnet er tausend Wege für uns, statt einen anzuordnen."

Idealerweise wäre man im Dirigentenberuf wohl ein Telepath: Man fühlte, was das Orchester fühlt, und könnte ihm gleichzeitig vermitteln, was es jetzt zu fühlen habe. Das empfände das Orchester aber nicht als Beeinflussung, was das eigentliche Kunststück wäre. Am Silvesterabend 2016 dirigierte Nelsons bei den Leipzigern das, was man Silvester so dirigiert, das Lieblingswerk der Welt, Beethovens Neunte. Er lächelte zu Beginn des ersten Satzes beim Einschweben der ersten Töne, als würde es gleich nicht welterschütternd losrumsen. Er lächelte zu Beginn des zweiten Satzes, als die Fugen sausten und bretterten, da grinste auch schon der Konzertmeister, und beim Chorfinale erwischte es auch die Sängerinnen und Sänger, stolze Tenöre und zarte Soprane, die zu Beginn noch finster-angespannt dreinblickten. Am Ende – "diesen Kuss der ganzen Welt" – sang Nelsons einfach strahlend mit. Es war tatsächlich eine Ode an die Freude, ein einziger Affekt.

Wenn das Leichte in der Kunst immer das Schwere ist, dann leistet Andris Nelsons Schwerstarbeit genau dann, wenn seine Begeisterung und sein Frohsinn keine Grenzen zu kennen scheinen. Wie man Beethoven aus der Halbdistanz dirigieren könne, das wisse er nicht, sagt der Dirigent. Er fühlt sich wie ein Schauspieler, der verschiedene Rollen spielen muss, auf die Gefahr hin, sich in ihnen zu verlieren. "Ich muss Beethoven sein, ich muss Mahler sein, ich muss Tschaikowsky sein, ich muss jeder einzelne Charakter einer Oper sein", sagt er.

An einem wilden Abend Ende Juni ist Nelsons weder Mahler noch Tschaikowsky, sondern ein Cowboy auf einem Pferd. Der Bariton Thomas Hampson ist mit seinen toupierten Haaren und dem offenen Hemd ein absoluter Reißer. Er haut die schlichten Old American Songs von Aaron Copland raus, während Nelsons lässig und breitbeinig am Geländer seines Podiums, ja, hängt. Der Folk herrscht am Augustusplatz und Nelsons lässt das Orchester, das auf einmal überhaupt gar nicht mehr deutsch klingt, sanft in den Sonnenuntergang reiten. Er hat die unsichtbare Wand zwischen sich und den Musikern eingerissen. Er pikst mit seinem Stock in die Geigen hinein, berührt das Orchester fast mit den Händen. Dann geht es von der Prärie auf den Ohio River und das ganze Gewandhaus schunkelt wie auf einer Bootsfahrt. Riesenapplaus, doch ohne Andris, er verschwindet schnell.

Ob er jetzt einer Freizeitgestaltung nachgeht? Manchmal sieht Andris Nelsons völlig übernächtigt aus. Er gönnt sich, soweit man das überblicken kann, keine Pausen. Er jettet durch die Welt, obwohl er Flugangst hat. Und er ist immer nett, er macht jeden Termin mit. Er ist eben ein Diener. Er sagt nicht Nein. Und das sieht man ihm an. Fragt man den Kapellmeister, was er in seiner Freizeit tut, wird es still. Ja, in Leipzig gebe es schöne Parks und den Zoo und so, man sei so schnell raus aus der Stadt, das sagt er noch, aber ein Lieblingsrestaurant fällt ihm schon nicht mehr ein. Nelsons ist ein kompletter Workaholic, aber findet nichts dabei. Warum soll er sich für die Leidenschaft, die verzehrende, rechtfertigen? Wer zwei Orchester hat, der muss schon an beiden Enden brennen.

Nun ist auch der Dirigent nur ein Musiker, aber er produziert keinen einzigen Ton. Dass er dieser stillen Musikmacherei nachgehen wollte, wusste der kleine Andris schon sehr früh. Seine Eltern nahmen den Fünfjährigen mit zu einer Aufführung von Richard Wagners Tannhäuser in die lettische Nationaloper in Riga. Sie haben ihn mit Schallplatten eingestimmt, aber vorbereiten konnten sie ihn nicht. Er erinnert sich noch heute an die bordeauxroten Sitze und das langsame Wegdimmen des Lichts. Dann begann das Vorspiel. Um den Dirigenten hatte Andris große Angst: Was, wenn er einen Fehler macht? Das bedeutet doch die Zersetzung des ganzen Werks! Zuerst kann Andris sich nicht mehr bewegen, dann bekommt er eine Gänsehaut und am Ende der dreistündigen Oper ist er in Tränen aufgelöst. So viel Opfer, Vergebung und Gottesfurcht auf der Bühne! "Ich war ein schüchterner Junge. Aber seit diesem Tannhäuser träumte ich davon, Dirigent zu werden. Nicht wegen der furchtbaren Verantwortung, sondern weil der Dirigent nicht nur irgendein Solo spielt. Er formt die ganze Zeit den Klang."

Es ist der gnadenlose Dienst an einer höheren Sache in der Tonmonarchie, der sich Andris Nelsons verschrieben hat. Res severa verum gaudium: "Wahre Freude ist eine ernste Sache", so steht es breit unter der Gewandhausorgel, deren Spanische Trompeten wie Gewehrläufe auf die Musiker zielen. Beim Dienst würde Nelsons allerdings niemals einen Frack tragen. Den hat er abgelegt zugunsten einer gewandartigen schwarzen Jacke, die aussieht wie eine zu große Soutane. Dass der Dirigent ein Priester sei, der einen Gottesdienst leitet, diese Sichtweise lehnt Nelsons ab. Er ist gläubiger Christ, und das wäre Anmaßung. Dennoch bringt ihn die Musik näher zu Gott, sie zeigt ihm die Schönheit der Schöpfung.

Als Chefdirigent des ältesten bürgerlichen Berufsorchesters der Welt ist der neue Gewandhauskapellmeister Hüter einer Tradition, in die sich jeder Dirigent des Orchesters eingeschrieben hat. Ihm ist etwas Kostbares anvertraut worden, das er pflegen und weiterentwickeln kann. In Leipzig ist diese Kostbarkeit der Klang. Der Klang ist auch so ein Mysterium, noch dazu ein flüchtiges. Andris Nelsons kann die Spitzenorchester der Welt mit verbundenen Augen auseinanderhalten. Der Komponist Sam Shepherd wünschte sich in der Probe von den Leipzigern "diesen Klang, den ein amerikanisches Orchester niemals zustande bringt". Was aber ist das? Auf der Couch in seinem Amtszimmer greift Nelsons nach einer imaginären Suppenkelle und rührt mit beiden Händen kräftig in einem imaginären Pott. "Das ist der deutsche Klang! Die Suppe!" Er präzisiert: schwer, dunkel, mächtig, rund, so klingt die deutsche Tradition. Nach verschatteter Romantik. Doch alle ostdeutschen Super-Orchester, die Berliner, die Dresdener und auch die Leipziger, hören sich in ihrem Deutschtum jeweils etwas anders an. In Leipzig speziell klingt man leicht und transparent und insofern: ziemlich undeutsch. Nelsons pflegt also ein fragiles, dunkel-helles Paradoxon, und ein gigantisches noch dazu. 185 Musiker sind am Gewandhaus fest angestellt. Mehr gibt es nirgends. Es sind so viele, weil das Orchester neben den Konzerten im Gewandhaus auch noch die Oper bespielen und die wöchentlichen Motetten in der Thomaskirche mit dem Thomanerchor geben muss. Diese verschiedenen Aufgaben machen das Orchester und damit den Klang flexibel. Den Workaholic Nelsons beeindruckt natürlich das riesige Konzertpensum seines Klangkörpers, die eiserne Disziplin. Er sagt: Der Mensch ist faul und egoistisch geboren, nur die Disziplin macht ihn zum guten Musiker.

Ein einziges Mal wurde Nelsons von seiner fast schon preußisch anmutenden Disziplin im Stich gelassen. Das war im Sommer vor zwei Jahren, als er sich selbst unehrenhaft bei den Bayreuther Festspielen entlassen hat. Er warf plötzlich bei den Proben das Parsifal-Dirigat hin, entschwand nach Riga und ward nicht mehr gesehen. Heute würde er "sehr gern" wieder in Bayreuth dirigieren. Aber mehr Wagner in Leipzig, das wäre auch schön. Und so eine ganze Matthäuspassion in der Leipziger Bachwoche, das wäre auch schön. Noch mehr Uraufführungen wären auch schön. Nicht zu vergessen das Open Air im Mai. Und das Festival in Boston. Und dann? Irgendwann? "Wenn ich 80 bin, mache ich etwas langsamer", sagt Nelsons. "Wenn ich dann noch lebe."